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Remscheid

Knast-Bienen bringen Häftlingen Geduld bei

Remscheid/Leichlingen (lnw). Konzentriert sitzt Mohamed mit Mundschutz und weißen Handschuhen vor dem großen Edelstahl-Behälter und verschraubt sorgfältig ein Glas mit bernsteinfarbenem Honig. Wegen Körperverletzung sitzt der 24-jährige Deutsche mit marokkanischen Wurzeln seit Mai 2018 in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Remscheid im Bergischen Land.

Dort nimmt der schüchtern wirkende Hagener teil an einem Imker-Programm, mit dem die Anstalt neue Wege beschreiten will: Gefangene sinnvoll und mit therapeutischem Effekt zu beschäftigen und dabei auch noch etwas für den Umweltschutz zu tun - in Zusammenarbeit mit über drei Millionen «Knast-Bienen». Nordrhein-Westfalens Justizminister Peter Biesenbach (CDU) wirbt dafür, «dass dieses Beispiel über die Landesgrenzen hinaus Schule macht».

Harte Jungs - sonst eher mit Muskeln und Macho-Gehabe

Vereinzelt gibt es Imkereien zwar auch in anderen Gefängnissen in Deutschland, aber NRW verfolgt einen besonderen Ansatz: Hier beteiligen sich bereits mehrere Anstalten in Arbeitsteilung an dem Projekt und es gibt eine Kooperation mit Hofläden und Bauern, die Häftlingen im offenen Vollzug erlauben, an den Bienenhäusern in ihren Obsthainen zu arbeiten.

Die fürsorgliche Arbeit mit «Biene Maja» und ihren bedrohten Artgenossinnen ist ein ungewöhnliches Programm in einem reinen Männer-Gefängnis, in dem sich harte Jungs sonst eher über Muskeln und Macho-Gehabe hervortun. Initiator der Honigproduktionsstraße hinter dem über 100 Jahre alten Gemäuer aus der Kaiserzeit ist der Chef der JVA-Arbeitsverwaltung Jürgen Krämer.

Schlosser und Schreiner kaum noch zu vermitteln

40 Jahre Knast hat er als Justizvollzugsbeamter auf dem Buckel. Seit langem habe er gegrübelt, wie man die Gefangenen sinnvoller auf das Leben nach der Haft vorbereiten könnte, erzählt der 62-Jährige. «Die Beschäftigung draußen hat sich geändert.» Schreiner und Schlosser aus dem Knast seien kaum noch unterzubringen.

Im Frühjahr 2016 ging Krämer nach einem Lehrgang mit seinem Imkerprogramm an den Start und schaffte die ersten Bienen an. Inzwischen haben sich auch Anstalten in Castrop-Rauxel, Gelsenkirchen und Schwerte angeschlossen. Zusammen arbeiten sie derzeit mit 68 Bienenvölkern und einer Jahrespopulation zwischen drei und vier Millionen Tieren. Damit kann rund eine Tonne Honig produziert werden.

Die Anstalten teilen sich die Arbeit: Bienenhäuser schreinern, Wachsplatten fertigen, die Bienen pflegen, Honig ernten, schleudern und alle Materialien regelmäßig penibel reinigen.

"Man braucht seeehr viel Geduld"

Mohamed aus Syrien baut dekorative Honig-Präsent-Kästchen aus Restholz und alten Paletten. «Früher war ich aggressiver mit der Familie. Das ist vorbei mit den Bienen. Man braucht seeeehr viel Geduld», erzählt der 48-Jährige, der wegen eines Gewaltdelikts an seiner Ex-Frau seit August 2018 in der JVA Remscheid sitzt. Krämer grinst. «Wer mit Bienen arbeitet, muss sich an Regeln halten, sonst folgt die Bestrafung sofort: ein Fehler, ein Stich und dann tut es weh.»

Krämer ist absolut überzeugt von der Wirkung des Projekts. «Das ist ein Integrationsprogramm für jeden: für Flüchtlinge, für Häftlinge aus der Türkei, Nordafrika, Russland oder dem Nahen und Fernen Osten, die oft kaum Deutsch sprechen, ebenso wie für viele andere, die nur diese eine Chance haben. Das sind die, die sonst in allen Knästen Theater machen und nur auf Zelle hängen.»

Raus aus der Zelle auf die Felder mit den blühenden Obstbäumen und den hölzernen Bienenhäusern kommen aber nur Gefangene aus dem offenen Vollzug. Der Bergische Bauernhof Conrads in Leichlingen hat der JVA Remscheid erlaubt, die sogenannten Bienenbeuten am Rand ihrer Obstbaumfelder aufzustellen und die Gefangenen dort arbeiten zu lassen. Darüber hinaus werden im anstaltseigenen Bienengarten ein paar Völker gepflegt und betreut.

Aggressive Häftlinge kommen nicht in das begehrte Projekt

Tausende Bienen fliegen in der Sonne von Obstblüte zu Obstblüte und bringen die Pollen emsig in ihre Behausungen. «Mit Bienen ist man in der Natur. Man entschleunigt und bekommt ein anderes Bild von der Welt», stellt Krämer fest, während er über die ländliche Idylle blickt. «Viele kennen das so nicht. In die JVA kommen Menschen mit vielen Defiziten. Sie sind es gewohnt, sich Selbstbestätigung durch Aggression zu holen. Hier nicht.» Aggressive Häftlinge kommen gar nicht erst in das begehrte Bienen-Projekt. «Es gibt Nicht-Therapierbare. Die werden weggesperrt.»

Krämer hofft, dass viele Häftlinge aus dem Bienen-Programm sich später in der Freiheit Imker-Vereinen anschließen. Anders als bei der meist frustrierenden Jobsuche frage hier niemand, was sie in den vergangenen Jahren getan hätten, meint der Solinger. Hier könnten sie fortführen, was sie in der Anstalt gelernt haben. «Es gibt noch was anderes als Saufen und in der Kneipe 'rumhängen. Das heißt nicht, dass das allein schon Straftaten verhindert.»

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