Nur noch Deutsch-Rap: Sind die Musik-Charts kaputt?

Jan Ahlers

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Veränderter Musikkonsum: Vor allem junge Hörer bestimmen mittlerweile die Single-Charts - und die hören immer mehr Deutsch-Rap. - © Pixabay
Veränderter Musikkonsum: Vor allem junge Hörer bestimmen mittlerweile die Single-Charts - und die hören immer mehr Deutsch-Rap. (© Pixabay)

Bielefeld/Berlin. "Prinzessa", "Rolex", "Wir ticken" und "Gib ihm": Es klingt nach einer Auflistung für die Jugendausdrücke des Jahres, ist aber ein Auszug aus den aktuellen deutschen Single-Charts. Denn die überwiegende Mehrheit der Top-Songs war zuletzt dem Genre des Deutsch-Rap zuzuordnen.

"Dein Vater hat ein Wettbüro, ich wette, deine Liebe ist nicht echt wie deine Fake-Hublot": Dem überstrapazierten Versmaß zum Trotz hört sich das Gros der deutschen Charts, die Marktforscher der GFK im Auftrag der deutschen Musikindustrie wöchentlich erstellen, so an wie dieser Auszug aus "Prinzessa" von Capital Bra. Jener Rapper, der kürzlich einen mehr als 50 Jahre bestehenden Rekord der Beatles überbot: Er durfte seinen zwölften Nummer-Eins-Hit feiern - obgleich Capital Bra, bürgerlich Vladislav Balovatsky, vielen hierzulande kaum ein Begriff ist. Warum ist das so?

Erfassung der Charts viel schwieriger als früher

"Die Erfassung der Charts ist deutlich komplexer geworden", sagt GFK-Sprecher Hans Schmucker. Waren es früher allein die verkauften Platten, so mussten ab Beginn des neuen Jahrtausends und mit Aufkommen von Software wie iTunes zunächst die Downloads berücksichtigt werden. "Doch die Anzahl an Downloads ist schon wieder rückläufig", sagt Schmucker. Denn längst hat ein neues Geschäftsmodell die Marktführerschaft übernommen: Streaming. Branchenführer Spotify hat weltweit bereits rund 100 Millionen zahlende Nutzer, insgesamt kämpfen mehrere Dutzend Anbieter von Musik auf Abruf um die Gunst der Nutzer.

Mehr als 70 Prozent der Streamer sind Statistiken zufolge 35 Jahre alt oder jünger. Hat die junge Generation die Marktmacht übernommen? "Dass die junge Hörerschaft sehr streaming-affin ist, ist nicht von der Hand zu weisen", sagt der GFK-Sprecher dazu. Das spiegelt sich auch in den Umsätzen wider: 2018 stellte das Streaming erstmals die Haupteinnahmequelle der deutschen Musikbranche dar: Rund 900 Millionen Euro flossen an die Labels, rund 700 Millionen Euro wurden durch Verkäufe von CDs, Vinyls und DVDs generiert. 2015 war die Summe physischer Verkäufe noch doppelt so hoch wie die aus abrufbarer Musik, 2009 fast zehnmal so hoch.

Warum Rapper sich so oft platzieren

Wer streamt, bestimmt also die Charts. Ein weiterer wesentlicher Faktor ist laut Schmucker der geringe Abstand zwischen zwei Veröffentlichungen. "Rapper bringen enorm viele Songs auf den Markt, sodass sie sich entsprechend oft in den Charts platzieren", sagt Schmucker. In Österreich wurde dem auf kuriose Weise entgegengewirkt: Dort kommen nur noch die drei bestplatzierten Hits eines Albums in die Topliste. Mehr Vielfalt, aber ein deutlich weniger repräsentatives Bild - gewiss kein Königsweg. Vielmehr einer, der der Branche Bauchschmerzen bereitet.

Beim Bundesverband Musikindustrie gibt es Überlegungen in verschiedene Richtungen, mit der Streaming-Dominanz umgehen. Bislang gilt die Faustregel: 200 Streams entsprechen einer physisch verkauften Single. Am Deutsch-Rap führt dabei kein Weg vorbei, auch wenn die Beziehung seit des Echo-Skandals im Jahr 2018 eine komplizierte ist: Damals hatte das Kulturinstitut des Verbands den Pop-Preis an "Farid Bang" und "Kollegah" verliehen, die in einem Song aber mit antisemitischen Anspielungen eine rege öffentliche Debatte anstießen. Schließlich gaben diverse Künstler ihre Auszeichnung zurück, Sponsoren warfen hin und die Preisvergabe wurde eingestellt.

Hip-Hop bald beliebter als Rock?

Doch die Umsätze zeichnen ein eindeutiges Bild. "Hip-Hop ist zum drittgrößten deutschen Absatzmarkt nach Pop und Rockangewachsen", sagt etwa Sigrid Herrenbrück, Sprecherin des Musikverbandes. Halte der Trend an, könne selbst das Genre Rock bald vom Rap überholt werden. Ein weiterer Trend: "Deutschsprachige Musik ist wieder stark im Kommen", sagt Herrenbrück. Sie verweist darauf, dass Charts eben stets auch ein Spiegel der Gesellschaft seien - und neben den verkauften Singles auch die Musikalben ausgewertet werden. Dort kämpft derzeit übrigens Schlager-Königin Andrea Berg mit ihrem Album "Mosaik" um die Spitze - eine von wenigen Interpreten, die der Deutschrap-Dominanz aktuell noch Paroli bieten kann.

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So entstehen die Charts

Für die Erfassung der Single-Charts sind ausschließlich kostenpflichtige Angebote relevant: Streams, Downloads, aber auch physische Verkäufe wie CDs oder Vinyls.

Der reine Verkaufswert einer "Platte" ist dabei entscheidend. Gedeckelt ist der Betrag aber auf 40 Euro pro verkaufte Einheit - damit soll "hochpreisigen Angeboten" entgegengewirkt werden, die etwa Zusatzmaterial wie Postern, Autogrammen und andere Fanartikeln beinhalten.

Mit Aufkommen digitaler Plattformen, die Musik auf Abruf anbieten, steht die Musikindustrie vor der Aufgabe, Streaming angemessen zu gewichten. Zunächst entsprachen 100 Streams dem Wert eines auf klassischem Wege verkauften Songs, mittlerweile sind es 200 Streams. Laut Industrie muss dieser Wert regelmäßig angepasst werden.

Jeden Freitag wird die wöchentliche Hitliste schließlich offiziell aktualisiert. Ein Interpret kann dabei in Deutschland beliebig oft in den "Top 100" auftauchen.

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