Kirchlengern. Volle Wartezimmer mit Patienten, die um die Wette husten und schnäuzen. Ein unangenehmes, aber alltägliches Bild in Hausarztpraxen während der Erkältungssaison. In diesem Jahr ist das nicht so, viele Wartezimmer sind leer. Zwar steigt auch in diesem Herbst mit sinkenden Temperaturen die Zahl der Patienten mit Infekten, doch der Alltag von Hausärzten ist seit Beginn der Pandemie nicht mehr derselbe. Hausarzt Peter Weitkamp aus Kirchlengern (Kreis Herford) gewährt Einblicke in seinen neuen Alltag. Umbau Als die Politik im März wegen steigender Corona-Infektionszahlen einen Lockdown verhängt, müssen Hausärzte die Sicherheit ihrer Teams und Patienten selber umsetzen und finanzieren. Peter Weitkamp entscheidet sich nach Krisensitzungen mit seinem Team und Besuchen im Baumarkt für einen Umbau seiner Praxis. „Ziel ist seitdem die Trennung von Patienten mit und ohne Erkältungssymptomen", erklärt Weitkamp. Patienten, die lediglich eine Überweisung, ein Rezept oder eine Bescheinigung benötigen, müssen die Praxis gar nicht mehr betreten. All das überreichen Weitkamps Mitarbeiterinnen Stefanie Niemeyer, Susanne Horn, Anika Gebhardt und Michelle Batterton durch ein Fenster an die Patienten, die draußen warten. „Anfangs dachten wir, dass das eine Notlösung für die nächsten Wochen sein wird, doch die Kommunikation durch das Fenster funktioniert gut. Wir können uns gut vorstellen, dass es auch nach der Pandemie dabei bleibt", erklärt Medizinerin Henrike Thalenhorst, die das Team von Weitkamp seit Ende 2019 verstärkt. Zudem gibt es Behandlungsräume, in denen ausschließlich Patienten mit Erkältungssymptomen behandelt werden. „Die Fenster sind offen, um mögliche Gefahren durch Aerosole zu entschärfen", erklärt Weitkamp. „Am Ende eines Arbeitstages ist man dann ziemlich durchgefroren, weshalb ich alle Kollegen mit Fleecejacken ausgestattet habe. All das dient dem Schutz des Teams und der Patienten." Organisation Das Ziel, Patienten mit und ohne Erkältungssymptomen zu trennen, funktioniert jedoch nur, weil auch die Praxisorganisation angepasst wurde. „Patienten mit Erkältungssymptomen werden nur während unserer täglichen Infektsprechstunden behandelt", erklärt Thalenhorst. Seit kurzem bietet Weitkamp auch an bestimmten Samstagen Infektsprechstunden an. „Bei unserer ersten Infektsprechstunde am Samstag haben wir 15 Patienten behandelt, die wir alle auf das Coronavirus getestet haben. Drei davon haben ein positives Testergebnis erhalten." Patienten, die Kontakt zu einem Corona-Infizierten hatten oder aus einem Risikogebiet zurückkehren, aber keine oder nur wenige Symptome haben, werden im Auto getestet. Auch für Patienten, die lediglich für eine Blutabnahme oder eine Impfung kommen, gibt es extra Zeitfenster - vor der regulären Sprechstunde. Ein mitunter aufwendiges Unterfangen mit Blick auf das große Interesse an Grippe-Impfungen in diesem Jahr. „Fünfmal so viele Patienten wie in den vergangenen Jahren möchten sich impfen lassen. 500 Patienten konnten wir diesen Wunsch schon erfüllen, doch aktuell ist kein Impfstoff mehr verfügbar", erklärt Thalenhorst. Mit Nachschub rechnet das Team am 16. November. „Dann können wir die nächsten 500 Patienten impfen." Die Änderungen im Praxisalltag führen laut Weitkamp jedoch zu großer Verunsicherung bei seinen Patienten, ebenso wie die Vorgaben der Politik, die sich im Wochenrhythmus ändern. „Freitags beschließt die Politik neue Maßnahmen, am Montag sollen diese schon ohne Vorbereitung in den Praxen gelten und am Mittwoch gelten schon wieder neue Regeln. Das ist unser Alltag aktuell", moniert Arzthelferin Susanne Horn. Das Informationsbedürfnis der Patienten ist dementsprechend hoch. „Das Telefon klingelt ununterbrochen, und die Aufklärung der Patienten kostet sehr viel Zeit." Mit neuen Regeln ist laut Weitkamp immer auch ein Plus an Bürokratie verbunden. „Die komplizierte Abrechnung von Corona-Tests ist nur ein Beispiel dafür, was aktuell falsch läuft", sagt der Allgemeinmediziner. „Selbstverständlich testen wir unsere Patienten auf das Coronavirus, denn auch in der Pandemie möchten wir für unsere Patienten da sein. Dabei sollten uns Hausärzten aber nicht länger Steine in den Weg gelegt werden." Der Einsatz für die Patienten in der Pandemie verlangt viel ab. Längere Arbeitszeiten, auch am Wochenende, damit die Patienten möglichst schnell den Befund ihrer Corona-Tests erfahren. „Die Belastung ist deutlich gestiegen", sagt Weitkamp. „Im Frühjahr haben wir den Urlaub abgesagt, weil ich nicht wollte, dass unsere Patienten während der ersten Corona-Welle zu einer Vertretung müssen." Und auch im Sommer verkürzt Weitkamp die Schließung der Praxis auf zwei Wochen. „Die Pandemie kostet sehr viel Zeit", sagt Weitkamp. „Die Stunden für die Behandlung und Beratung von Patienten, die auf das Coronavirus getestet werden müssen wachsen ebenso an wie die Stunden für bürokratische Aufgaben, telefonische Beratungen und die Kommunikation mit Ämtern, Krankenkassen oder der Kassenärztlichen Vereinigung." Patienten Die Pandemie beeinflusst nach der Erfahrung von Weitkamp und seinem Team auch das Verhalten von Patienten. „Es herrscht nicht nur Verunsicherung, viele haben auch Angst", erklärt Thalenhorst. Schon vor der Bekanntgabe neuer Einschränkungen im November stieg die Zahl der Patienten, die Vorsorgeuntersuchungen und andere Termine absagten. „Es besteht offenbar die Sorge, sich im Wartezimmer zu infizieren, obwohl die Schutzmaßnahmen funktionieren und viele im Alltag deutlich höhere Risiken eingehen." Weitkamp hat während der ersten Corona-Welle und auch aktuell Covid-19-Patienten behandelt. „Bislang musste zum Glück erst eine Patientin im Krankenhaus behandelt werden, allerdings nicht auf der Intensivstation. Zudem habe ich eine Patientin, die auch sechs Monate nach der Infektion noch an Spätfolgen leidet." Auch im Team der Praxis bestehen Sorgen und Ängste, vor allem im Umgang mit Patienten, die nach der Behandlung einen positiven Testergebnis erhalten. „Auch das ist Teil unseres neuen Alltags, es ist ein mulmiges Gefühl." Weitkamp teilt die Sorge vieler seiner Kollegen, dass während der Pandemie viele andere Erkrankungen wie Krebs lange unentdeckt bleiben. „Routineuntersuchungen und auch Termine bei akuten Beschwerden sind deshalb sehr wichtig." Doch auch die Kommunikation mit Patienten leidet. „An der Mimik von Patienten lässt sich viel ablesen. Geht es ihnen wirklich besser? Haben sie Sorgen? Belasten andere Probleme die Gesundheit? All das fällt aufgrund der Masken jedoch weg." Immer wieder behandeln Weitkamp und sein Team jedoch auch Patienten, dessen Anspruchsverhalten in der Pandemie offenbar noch gewachsen ist. „Patienten verlangen Befreiungen von der Maskenpflicht oder Wunsch-Corona-Tests", moniert Thalenhorst. Wirtschaftliche Situation Verunsicherung herrscht in vielen Praxen auch wegen der wirtschaftlichen Situation. „Ich will mich nicht beklagen, weil es vielen anderen Berufsgruppen deutlich schlechter geht als uns Ärzten, aber die zusätzlichen Kosten für den Umbau der Praxis, die gestiegenen Hygiene-Anforderungen und zusätzlichen Personaleinsatz werden nicht refinanziert", moniert Weitkamp. Zudem rechnet der Allgemeinmediziner im November wegen der neuen Einschränkungen wieder mit einem sinkenden Patientenaufkommen. Denn auch, wenn die Krankenhäuser im Fokus der Pandemie stehen, werden laut dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung 19 von 20 Menschen mit einem positiven Corona-Test in Deutschland ambulant versorgt. „Hausärzte sind systemrelevant und sollten dementsprechend unterstützt werden", fordert Weitkamp.