Berlin/Bielefeld. Was in vielen Ländern längst Standard ist, wird nun auch in Deutschland diskutiert: Schulen ohne private digitale Bildschirmmedien wie Handys und Tablets, außerhalb einer geplanten Nutzung im Unterricht, die von Lehrern kontrolliert wird. Der Bielefelder Kinderarzt Uwe Büsching kämpft seit vielen Jahren für ein Umdenken in der Digitalisierung von Schulen und hat davon nun auch die deutsche Ärzteschaft überzeugt, die sich künftig dafür einsetzen wird, dass Kinder und Jugendliche während der Schulzeit deutlich weniger Zeit an Bildschirmen verbringen. Der deutsche Ärztetag fordert das Bundesbildungsministerium dazu auf, Konzepte für Schulen zu entwickeln, die frei von privaten digitalen Bildschirmmedien, außerhalb einer gewissenhaft geplanten Nutzung im Unterricht, sind. Das Ziel: Den psychischen und physischen Schäden, die durch Medienkonsum entstehen können, präventiv entgegen wirken und die sozialen Interaktionen zwischen Schülern und ihre Lern- und Konzentrationsfähigkeiten verbessern. Hintergrund dieser Entscheidung ist ein Antrag der pensionierten Kinderärzte Uwe Büsching aus Bielefeld und Gisbert Voigt aus Melle, der beim Ärztetag mit großer Mehrheit angenommen wurde. Medienkonsum kann Kindern schaden „Diese Entscheidung passt in die aktuelle politische Debatte in Deutschland, die endlich in die richtige Richtung geht. Es wird nun nicht länger ignoriert, wie stark Medienkonsum Kindern schaden kann“, erklärt Büsching. Zu den Gefahren zählten Bewegungsmangel, Übergewicht, Entwicklungsstörungen und psychische Erkrankungen. „Das Grundproblem ist, dass die Zeit für den gestiegenen Konsum von Bildschirmmedien den Kindern im realen Leben fehlt.“ Das beginne damit, dass Langeweile nicht mehr zugelassen werde, und ende damit, dass sich Kinder weniger bewegten, soziale Kontakte vernachlässigten und immer größere Schwierigkeiten beim Erlernen der Grundkompetenzen hätten. „Ein weiteres Problem ist, dass Kinder nicht mehr ohne Handy unterwegs sind, weil sie Angst haben etwas zu verpassen. Und das stresst extrem.“ Einheitliche Strategie für Digitalisierung in Deutschland gefordert Büsching unterstützt die Aussage von Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU), die ein Umdenken in der Digitalisierung fordert, vor allem in Kindertagesstätten und Grundschulen. „Je früher Kinder Bildschirmmedien nutzen, desto größer sind die Gefahren“, warnt Büsching. „Ein immer früherer Zugang zu Bildschirmmedien und ein Mehr an Medien in nahezu allen Lebensbereichen ist nicht ein Mehr an Wissen, vielmehr geht der Lernerfolg zurück und das schadet auch der Gesellschaft.“ Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung „Kind und Jugend“ fordert deshalb einheitliche Regeln, auch wenn die Digitalisierungsstrategie von Schulen Ländersache ist. „Die Umsetzung der Digitalisierung darf nicht länger ein Blindflug sein, sondern muss politisch so gestaltet werden, dass Kinder aller Altersklassen nicht weiter auf der Strecke bleiben.“ Verdammen wollen Ärzte die Nutzung von Bildschirmmedien nach Angaben Büschings mit ihrem Engagement nicht. „Die Digitalisierung ist wie Feuer, das wärmt, Licht spendet und Maschinen antreibt, jedoch auch schnell gefährlich werden kann, weshalb es diverse Vorschriften gibt, die Menschen schützen. Klare Regeln benötigen wir auch für die Digitalisierung, die viele Vorteile bietet, aber auch Gefahren birgt.“ Mit der zunehmenden Nutzung von Bildschirmmedien in Schulen würden Kinder ihre empfohlenen Bildschirmzeiten deutlich überschreiten, moniert Büsching. Wie viel Bildschirmzeit für welches Alter? Das wissen auch Eltern, doch Medienkonsum führt in vielen Familien zu Streit. „Eltern haben den größten Einfluss auf die Mediennutzung von Kindern. Es ist wichtig, dass Kinder unterschiedliche Möglichkeiten der Freizeitgestaltung kennenlernen und Medien nicht wahllos einsetzen“, rät Büsching. Hilfestellungen für den Familienalltag bietet das Projekt „Schau hin“, eine Initiative des Bundesbildungsministeriums, der AOK und der Rundfunkanstalten ARD und ZDF. „Dort gibt es Bausteine für einen Handyvertrag, den sie mit ihren Kindern entwerfen und abschließen sollten, und auch Empfehlungen für Bildschirmzeiten je nach Alter.“ Bei Kindern unter zwei Jahren sollten Bildschirmmedien gar nicht zum Einsatz kommen. Im Alter zwischen drei und sechs Jahren gilt als Faustregel 30 Minuten am Stück und bei Sieben- bis Neunjährigen 60 Minuten am Stück. Ab dem zehnten Lebensjahr wird Eltern empfohlen, mit ihren Kindern Wochenkontingente zu vereinbaren: Entweder zehn Minuten Bildschirmzeit pro Lebensjahr oder eine Stunde pro Lebensjahr pro Woche.