Düsseldorf. Weil nach einer für Deutschland verbindlichen UN-Konvention Schüler mit und ohne Behinderungen künftig nicht mehr getrennt, sondern gemeinsam zu unterrichten sind, müssen die Länder in den kommenden Jahren zusätzliche Millionenkosten in dreistelliger Höhe aufbringen. Mit der sogenannten Inklusion steht das Bildungssystem vor großen Herausforderungen. Viele Förderschulen müssen geschlossen und die Regelschulen finanziell und personell aufgerüstet werden.
Um die Förderschüler in Zukunft an Regelschulen zu unterrichten, müssten bundesweit 9.300 Lehrer neu eingestellt und pro Jahr 660 Millionen Euro zusätzlich aufgebracht werden. Diese Zahlen hat der Bildungsökonom Klaus Klemm im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung errechnet. Nach der Expertise des Wissenschaftlers hätte das Land NRW allein 95,1 Millionen Euro per annum aufzubringen und 1.339 neue Lehrerstellen zu schaffen.
Derzeit gibt es in Deutschland knapp eine halbe Million verhaltensauffällige, lern- oder körperbehinderte Schüler. Das entspricht 6,5 Prozent der gesamten Schülerschaft. Für die Betroffenen wurde in jedem Einzelfall ein besonderer Förderbedarf festgestellt. Die Mehrzahl von ihnen wird in separaten Förderschulen (früher: Sonderschulen) mit unterschiedlichen Schwerpunkten unterrichtet.
Bislang besucht nicht einmal jeder vierte Förderschüler eine Regelschule, wobei es im Ländervergleich allerdings große Unterschiede gibt. Spitzenreiter bei der Inklusion ist Schleswig-Holstein. Hier besucht fast jeder zweite lern- oder körperbehinderter Schüler bereits eine Regelschule. Schlusslicht ist Niedersachsen mit nur 8,5 Prozent.
Auch NRW, wo bislang lediglich 16,1 Prozent der Förderschüler inklusiv unterrichtet werden, habe beträchtlichen "Aufholbedarf", sagte Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, der Neuen Westfälischen.
Inklusion müsse "mittelfristig überall zur Normalität" werden, weil sich das bisherige Sonderschulsystem für viele Kinder als "Isolationsfalle" entpuppt habe. Mehr als drei Viertel aller Förderschüler, die separat unterrichtet werden, erreichen derzeit keinen Hauptschulabschluss.
Die Inklusion, zu der sich auch die rot-grüne NRW-Landesregierung bekennt, sei aber "eine riesige Herausforderung", sagte Dräger. Zum einen gebe es sowohl in der Lehrerschaft als auch bei vielen Eltern noch "große Skepsis". Viele haben Angst, dass zum Beispiel verhaltensauffällige Kinder den normalen Unterricht "zerlegen" könnten. Zum anderen lasse sich Inklusion nur mit mehr und gut ausgebildetem Personal bewältigen, konstatiert Bildungsökonom Klemm in seiner Studie. Um in Zukunft alle Kinder individuell zu fördern, reiche es bei weitem nicht aus, die vorhandenen Lehrer an den Förderschulen an die Regelschulen zu schicken, damit sie dort den gemeinsamen Unterricht mitgestalten.
NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) betonte in einer Stellungnahme, die Landesregierung habe "das Ziel, bereits jetzt Inklusion immer dort zu ermöglichen, wo sie gewünscht wird."