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OERLINGHAUSEN

Facebook führt zum Vater

Warum Günther Garding seiner Tochter endlich die Wahrheit sagen darf

Oerlinghausen. Blonde Haare, blaue Augen. "Niemand in der Familie sah aus wie ich", sagt Liane Scholl. Zufall? Davon ist die 44-Jährige ihr Leben lang ausgegangen. Bis vor ein paar Monaten, als sie herausbekam, dass ihr biologischer Vater ein völlig anderer ist, als der, der vor mehr als 20 Jahren verstorben ist.

Ihren Erzeuger hat Liane Scholl gestern Nachmittag zum ersten Mal alleine in der Grundschule Lipperreihe getroffen. Puppenspieler Günther Garding aus Borgholzhausen war dort, wie schon so oft, mit seiner Bühne "Larifari" zu Gast, um die Kinder mit Kasperle-Stücken zu erfreuen. Vorher erzählen Vater und Tochter ihre ganz persönliche Geschichte. Und die ist mindestens ebenso bühnenreif.

"Zu Weihnachten habe ich meiner Mutter ein Fotoalbum zusammengestellt", erzählt Liane Scholl, die mit Mann und zwei Kindern im Odenwald lebt. Beim Durchblättern sei der Satz gefallen: "Jetzt habe ich endlich Bilder für den Günther." Wer das ist, will die Liane Scholl nichts ahnend wissen. Die Mutter weicht aus, die Tochter hakt nach, erfährt den Nachnamen, recherchiert im Internet und wird fündig.

Bei Facebook stellt sie eine Freundesanfrage und bekommt prompt Antwort. "Hallo Liane. Eine Tochter von mir heißt so wie du, aber ich habe keinen Kontakt zu ihr." Es braucht nicht viel Phantasie, um die Zusammenhänge zu begreifen. "Das war natürlich ein Schock." Eine Woche brauchte Liane Scholl, bis sie ihre Mutter konfrontierte. Vorwürfe will sie ihr aber nicht machen. "Sie war so jung damals."

Günther Garding hatte Lianes Mutter als Versicherungsvertreter besucht. Aus dem Techtelmechtel, das sich entwickelte, wuchs neues Leben heran. Doch der Borgholzhausener versprach, nichts zu sagen, weil Lianes Mutter verheiratet war. "Als Baby habe ich meine Tochter einmal gesehen", erzählt der 74-Jährige. Süß habe sie ausgesehen. Drei Jahre später kam es erneut zu einer Begegnung, dann noch einmal 1988. "Aber für mich war er immer nur ein Bekannter", sagt Liane Scholl.

Die ganzen Jahre habe er den Kontakt herstellen wollen, es mit Rücksicht auf Lianes Mutter aber nicht getan, erzählt Günther Garding. Nach 44 Jahren jetzt das erste Treffen mit dem neuen Wissen. "Wir haben im Wohnzimmer gesessen, Fotoalben angeschaut, und er hat die ganze Zeit meine Hand gehalten", erzählt Liane Scholl. "Das war total süß." Auch Günther Garding ist glücklich. "Am liebsten würde ich sie gar nicht mehr gehen lassen."

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