Gütersloh. Jubelnde Fortunen stürmen vor Spielende auf den Rasen und riskieren einen Spielabbruch: Ist es für solch ein bedeutungsvolles Spiel eine übliche, nur zeitlich knapp verfehlte Szene oder der Gipfel zahlreicher Entgleisungen fanatischer Fußballfans. DFB-Vizepräsident Hermann Korfmacher aus Gütersloh sprach mit Uwe Pollmeier über die jüngsten Ereignisse, deren Folgen und die Möglichkeiten des DFB.
Herr Korfmacher, waren Sie im Düsseldorfer Stadion live dabei?
HERMANN KORFMACHER: Ich konnte aus terminlichen Gründen nicht dort sein und habe das Spiel am Fernseher verfolgt. Es waren natürlich keine schönen Bilder, aber sie waren auch nicht einzigartig. Selbst beim Pokalfinale wurden Feuerwerkskörper abgebrannt. Es gibt nun einmal eine Gruppe von Fans, die mit allen Mitteln erreichen will, Pyrotechnik in deutschen Stadien zu legalisieren.
Wie ist da die Haltung des DFB in dieser Angelegenheit?
KORFMACHER: Unser Standpunkt ist ganz klar. Eine Aufhebung des Pyrotechnik-Verbots wird es auf gar keinen Fall geben. Durch bengalische Feuer können Menschen zu Schaden kommen, da erübrigt sich jede Überlegung einer Verbotslockerung oder gar -aufhebung.
Aber stärkere Personenkontrollen könnten doch die Anzahl der bengalischen Feuer eindämmen?
KORFMACHER: Noch mehr Körperkontrollen sind nicht umsetzbar. Allein aus zeitlichen Gründen. Oder sollen wir an den Stadiontoren Zustände wie am Flughafen haben, wo jeder durchleuchtet wird? Die Konsequenz wäre, dass die Zuschauer zwei oder drei Stunden vor Anpfiff am Stadion sein müssten.
Wie kann man die Problematik jüngster Gewaltausbrüche in den Griff bekommen?
KORFMACHER: Es wird einen Sicherheitsgipfel der Liga geben und es werden Gespräche mit der Regierung stattfinden. Die Probleme sind uns bekannt, die Häufung der Vorfälle ist nicht zu leugnen, aber niemand weiß, wie diese in den Griff zu bekommen sind. Der DFB tut viel für die Fanbetreuung und steht in engem Kontakt mit szenekundigen Beamten, aber wir haben keinen Lösungsansatz.
Wie sehen Sie als 1. Vizepräsident Amateure die Situation im Amateurbereich? Gibt es dort einen Trend wie bei den Profis?
KORFMACHER: Ich sehe dort keine Veränderung. Kleine Auseinandersetzungen oder auch Spielabbrüche gehören seit Jahren zum Amateurfußball. Wenn in Westfalen an einem Wochenende eine von insgesamt rund 3.000 Partien im Seniorenbereich auffällig ist, ist das keineswegs besorgniserregend.
Wie ordnen Sie in der Reihe der jüngsten Ausschreitungen die Stürmung des Spielfelds von hunderten Fortuna-Fans ein?
KORFMACHER: Die Bilder während des Spiels nach der 2:1-Führung in der Berliner Kurve waren unschön. Die Stürmung des Platzes gehört in eine andere Kategorie. Im ersten Moment erschienen sie entsetzlich, aber mit dem nötigen Abstand sehe ich die Situation anders. Nach solch einem Spiel ist es normal, dass die Fans aufs Feld laufen und Rasenstücke als Trophäen mitnehmen. Die haben einen Pfiff des Schiedsrichters falsch gedeutet und sind zu früh losgelaufen. Im Freudentaumel ist das verständlich.
Was bekräftigt Ihre Meinung, die Fortuna-Fans haben in friedliche Absicht den Platz gestürmt?
KORFMACHER: Der supergute Schiedsrichter Wolfgang Stark ist ruhig geblieben und hat besonnen reagiert. Es ist gelungen, alle Leute innerhalb weniger Minuten wieder vom Platz zu bekommen. Es gab weder Ausschreitungen noch Verletzte. Nach dem regulären Abpfiff hat sich die Szene ja auch wiederholt und alles war in Ordnung. Das Ereignis an sich war nicht außergewöhnlich, lediglich der Zeitpunkt.
Könnte der Wiederaufbau von Sicherheitszäunen, also die Rückkehr zur "Käfighaltung", helfen?
KORFMACHER: Das ist kein Thema. Die Zäune wurden vor der WM 2006 abgeschafft und durch umfangreiche Sicherheitskonzepte ersetzt. Wir müssen ein gewisses Augenmaß bewahren. Sollen wir unter Ausschluss der Öffentlichkeit spielen, um Risiken zu minimieren?
Wie schätzen Sie Herthas ProtestChancen ein?
KORFMACHER: Das wäre jetzt Kaffeesatzleserei Man müsste schauen, wie die Berliner ihn begründen und welche handfesten Argumente sie vorzulegen haben. Ich persönlich freue mich für die Düsseldorfer, kann aber auch die Enttäuschung der Berliner nachvollziehen.