Bielefeld. Ganz Bielefeld-Schildesche steht unter Schock: Ali Atmaca (55) wohnt mit seiner Frau Esra (57) direkt neben dem Trümmer-Haus an der Engerschen Straße. Er spricht von kriegsähnlichen Zuständen. Am Sonntagnachmittag war dort der Anbau eines Hauses in die Luft geflogen, der 42-jährige Volker H. wurde schwer verletzt. Er soll kiloweise Pyrotechnik gelagert haben.
Die Nacht nach der Explosion verbrachte Atmaca bei seinem Sohn. "Wir durften nicht bleiben, das Haus wurde evakuiert." Alle Nachbarn sind entsetzt, am Morgen nach dem Unglück haben sie sich an der Unglücksstelle versammelt, versuchen einige Blicke hinter die Absperrung zu erhaschen.
Auch Rentner Felix Hauck (79) ist da. In der Gegend habe jeder gewusst, dass H. "irgendwas mit Pyrotechnik macht", sagt er. Einige Nachbarn, die namentlich nicht genannt werden wollen, vermuten, dass H. für die Fußball-EM "groß eingekauft" habe. Schon zur WM 2010 habe er es im Garten öfter "knallen lassen". Seekrug-Wirt Christian Schulz war zur Unglücks-Zeit im Urlaub und erfuhr von der Explosion am Telefon. In den vergangenen Monaten habe er immer wieder mal gehört, dass jemand am Obersee mit Feuerwerkskörpern hantiert, sagt er. Er vermutet, dass es einen Zusammenhang zu dem Lager an der Engerschen Straße gibt.
Ursachenforschung dauert an
Bis zu 60 Kilogramm Sprengstoff soll H. in dem Anbau gelagert haben, Polizeisprecher Friedhelm Burchard wollte die Zahl allerdings nicht bestätigen. Auch nicht, ob die Feuerwerkskörper für die Explosion verantwortlich sind. Die Ermittler tappen noch im Dunkeln.
Spezialisten des Landeskriminalamtes waren Montag vor Ort, genau wie die Brandermittler Norbert Freier und Knut Packmohr sowie Diensthundeführer mit ihren Sprengstoffspürhunden. Die Ursachenforschung dauere aber noch an, sagt Feuerwehreinsatzleiter Frank Klumpe: Das Zweifamilienhaus ist einsturzgefährdet, die Brandermittler konnten noch nicht zu dem völlig zerstörten Kelleranbau, in dem die Feuerwerkskörper gelagert haben sollen, vordringen. "Das Haus muss vermutlich abgerissen werden", sagt Freier.
Auch Jürgen Kley und Hartmut Vilmer vom Ordnungsamt waren am Unglücksort. Seit 2009 hatte H. die Genehmigung zum nicht-gewerblichen Umgang mit Pyrotechnik der Klassen 1 bis 4, also vom Silvesterknaller bis zum Großfeuerwerk.
Familie bei Verwandten untergebracht
Das Unglück von Schildesche: Am Montag hat die Polizei eine fünfköpfige Ermittlungskommission gebildet. Die Bewohner konnten bislang noch nicht vernommen werden. H. und seine Schwiegermutter (66) sind noch im Krankenhaus, seine Lebensgefährtin (42) und die Tochter (14) sind bei Verwandten untergebracht. Spekulationen aus dem Umfeld der Familie, H. sei ein Bein amputiert worden, konnte Burchard nicht bestätigen, genauso wenig wie das Gerücht, im Haus hätte sich zur Explosionszeit auch der Hund der Familie befunden.
Bezirksbürgermeister Detlef Knabe war am Sonntag kurz nach der Explosion vor Ort, hat mit Nachbarn gesprochen. Auch er ist geschockt. "Ich wollte erstmal sichergehen, dass es allen gut geht."
Die meisten Bewohner der Häuser 68 und 74 kamen in der Nacht bei Bekannten unter, eine Dame musste die Nacht in einer Notunterkunft verbringen. Bis Montagabend war die Engersche Straße gesperrt, um das Trümmer-Haus herum wurde ein Bauzaun gezogen. Am Nachmittag kreiste ein Hubschrauber der Polizei über der Unglücksstelle, um Bilder zu machen. Wie die NW erfuhr, wollte H. das Haus verkaufen. Jetzt hat es nur noch Schrottwert.