Bielefeld. Jugendliche haben heute Zugang zu pornographischen Bildern und Filmen, wie sie in dieser Menge und teilweise auch Härte keine andere Generation je sehen konnte. Der Rückschluss, dass junge Menschen deshalb heute alles wissen über Liebe, Sex, Verhüten, ihren und den anderen Körper, ist dennoch falsch. Fragen gibt es heute wie damals. Pro Familia gibt 16 Schülern Antworten: Die Jugendlichen sollen an ihren Schulen Ansprechpartner für Mitschüler sein.
Pro Familia und Schulsozialarbeiter bilden die Neunt- und Zehntklässler aus. Drei Tage lang sind sie in der Tagungsstätte Einschlingen, übernachten dort, diskutieren, erklären, zeigen. Klar, dass abends auf den Zimmern weiter, vor allem über eines, geredet wird, sagt Julia Klause (15): "Wir reden ganz offen über Sex und alles drumherum."
Peer-Projekt
Das Peer-Projekt (englisch, sprich: Pier), abgeleitet von Peer-Group (Gruppe Ähnlich-Altriger) ist das Sechste seiner Art in Bielefeld.Es gibt ein dreitägiges Einführungsseminar.
Danach gibt es drei Nachtreffen in den zwei Jahren des Einsatzes.
Pro Familia ist bei Fragen zum Projekt unter Tel. (05 21) 12 40 73 zu erreichen.
Teams sollen zusammenwachsen, die an vier Schulen für zwei Jahre jüngeren Schülern helfen wollen. An den Gesamtschulen Rosenhöhe und Stieghorst sowie den Hauptschulen Baumheide und Johannes-Rau werden je vier Schüler versuchen, alles zu beantworten.
Fragen gibt es viele, das ist ihnen klar. Es gibt Sprechstunden, wer Ratschläge oder einfach nur einen Gesprächspartner braucht, kann hingehen – und bleibt unerkannt an der Schule. "Viele wollen lieber mit älteren Mitschülern reden als mit dem Bio- oder dem Vertrauenslehrer", sagt Sandrina Mehlhaff (14). Sie lacht. "Das ist ja auch echt peinlich."
Verständlich, wer will schon die Eltern oder einen Lehrer fragen, ob der Penis, wie in Pornos zu sehen, tatsächlich fast einen halben Meter lang sein soll, ob Sex wirklich überwiegend in extremsportartiger Weise ausgeübt wird und auch noch meistens in der Gruppe stattfindet. Hier haben einige Jugendliche ein Päckchen zu tragen, das sich aus der Bilderflut im Internet ableitet, über Filme auf dem Handy schwerer wird und Hürden aufbaut – im Kopf und anderswo.
Neben dem so wachsenden Druck geht es oft aber auch um bodenständigere Fragen, sagt Inge Thömmes von Pro Familia. "Es geht bei Mädchen um die Tage, die Pille, Aids und darum, ob sie auch onanieren dürfen – und bei Jungen um den ersten Samenerguss und darum, wie oft sie onanieren dürfen."
Zum Beispiel
Und, noch eine Ebene vor diesen Fragen: "Wie spreche ich jemanden an, wie fühlt sich verliebt sein an?" berichtet Schulsozialarbeiterin Ulla Kerkhoff, die an der Gesamtschule Stieghorst das Jugend-Team unterstützt – wie an jeder der beteiligten Schulen.
Keiner der 16 Jugendlichen ist zufällig beim Seminar: "Sie wurden gewählt, sie sollen gut angesehen sein", sagt Thömmes. Das ist Fahmi Alptekin (16) wichtig, nur wer anerkannt und beliebt sei, könne bei dem heiklen Thema Ansprechpartner sein. Er fühlt sich gewappnet für Fragen wie "Ab welchem Alter darf ich mir einen runterholen?" – und auch Julia weiß schon, was sie antworten würde: "Viel Spaß."
Doch auf Fragen von Jungen wird sie eher selten antworten, geplant ist, dass Jungen Jungenfragen und Mädchen Mädchenfragen beantworten. Eine, die Mädchen umtreibt, so Thömmes: "Muss ich dem Jungen beim ersten Mal einen blasen, auch wenn ich das ekelig finde?"
"Ich sage Penis und nicht Dingsda"
Und Jungs? "Die fragen, ob literweise Sperma wie im Porno normal sind." Und sind erleichtert, dass ein Löffelchen eher üblich ist. Direkt wird gefragt – direkt soll geantwortet werden. Julia: "Ich habe nun ein großes Selbstbewusstsein und rede nicht groß drumherum, ich sage Penis und nicht Dingsda oder so." Das erleichtere die Gespräche, hat sie bemerkt.
Können die Jugendlichen Fragen nicht beantworten und Probleme nicht lösen, helfen Schulsozialarbeiter und können auch Termine bei Pro Familia vereinbart werden. Sandrina: "Das ist gut so, manche Sachen weiß ich ja auch nicht ganz genau."
Dabei sind Liebe und Sex oft Thema, ist der Zugang zu Pornos einfach. "Viele sind da sehr offen, aber es ist etwas ganz anderes, sich in die Augen zu sehen und darüber zu reden", sagt Julia. "Echt ist anders", sagt auch Fahmi.
Eine Sorge ist übrigens offenbar seit Generationen dieselbe: "Die Angst, erwischt zu werden" – da sind sich alle einig.