Lübbecke / Hille. Hinter Horst Boelter liegt eine kalte Nacht. Der 71-jährige Kapitän hat sie im Führerstand des Tankers "Leila" verbracht – bei drei Grad Außentemperatur. Es ist der einzige Raum auf seinem Schiff, der nicht ausgebrannt ist. Da die Elektrik ausgefallen ist, funktioniert auch die Heizung nicht. Gar nichts funktioniert mehr auf der "Leila".
Auf Höhe des Großen Torfmoors war das 80 Meter lange Tankschiff Sonntag Nachmittag in Brand geraten. "Ich saß mit meinem Sohn im Führerstand, wir wollten gerade was essen", erzählt Boelter mit übernächtigten Augen. "Und es roch irgendwie verbrannt." Als sein Sohn die Mahlzeit aus der Kombüse holen will, schlagen ihm Flammen und dichter Rauch entgegen. "Mit dem Feuerlöscher konnte man nichts mehr ausrichten", sagt Boelter. Über den Schiffsfunk setzt er einen Notruf ab, der von der Wasserschutzpolizei Minden empfangen wird.
Nach den Löscharbeiten wurde die "Leila" gegen Mitternacht bis kurz vor den Hafen Hille gezogen und dort festgezurrt.
Im Schiff befinden sich weiterhin 1.200 Tonnen Heizöl, die "nicht unbeaufsichtigt an der Kaimauer liegen dürfen", so Boelter. Also blieb der Kapitän auf seinem Schiff, das er im Auftrag des Eigners nach Hannover bringen sollte.
Die ungemütliche Nacht hat der in Duisburg lebende Boelter gut überstanden. Doch der Verlust seiner Brille macht ihm gerade am meisten Sorgen. "Ist mit meinen Schiffspatenten und der Bordkasse verbrannt." 500 Euro lagen darin. Sein Sohn hat noch schnell ein paar Habseligkeiten aus seiner Kajüte retten können, bevor er mit einer leichten Rauchvergiftung ins Lübbecker Krankenhaus kam. Er konnte noch in der Nacht wieder entlassen werden.
Der Wohnbereich ist nur noch ein Stahlgerippe, der Innenraum bedeckt mit einem weißen Teppich aus Löschschaum. Darunter liegen zwei Schiffsdiesel, vor knapp zwei Jahren erneuert, die noch niemand in Augenschein genommen hat. "Das Schiff ist ein Totalschaden. Rasierklingen kann man daraus machen. Eine Reparatur kostet 300.000 Euro", mutmaßt Boelter, der seit 1965 sein Kapitäns-Patent besitzt. Ein neuer Tanker kostet rund fünf Millionen Euro, die "Leila" hat der Eigner vor zwei Jahren für etwa eine Millionen Euro erstanden.
Gebaut wurde der Tanker 1971 im holländischen Groningen. Anfangs wurden damit Chemikalien transportiert, in den letzten Jahren nur noch Heizöl. Ohne den doppelwandigen Rumpf hätte das Schiff noch bis 2018 fahren können.
Die Binnenschifffahrt ist ein hartes Geschäft. Horst Boelter erzählt von langen Liegezeiten, ebenso langen Fahrten und der osteuropäischen Konkurrenz, die die Preise nach unten drückt. "Wir kriegen vier bis fünf Euro pro Tonne, die Polen fahren die gleiche Tour für zwei Euro weniger." Als es die DDR noch gab, durften die Ostblockstaaten nur bis Braunschweig fahren, danach mussten sie umladen. Die Welt war geordneter, die Branche ein wenig sicherer. "Heute geht das Geschäft nach unten", sagt Boelter. Gegen Mittag erscheinen zwei Gutachter, die darüber entscheiden, wie es weitergeht. Offenbar ist die "Leila" stabil genug, um von einem Schubboot, dass gegen 11 Uhr anlegte, bis zum ursprünglichen Ziel Hannover geschoben zu werden. Der dortige Mineralölhändler macht seit dem Morgen Druck. Was danach mit dem Schiff passiert, ist unklar. "Wir könnten Mittwoch früh in Hannover sein. Danach gehts für mich und meinen Sohn erstmal nach Hause", sagt Boelter.