Bielefeld. Er ist 24 Zentimeter klein, gerade einmal 90 Gramm schwer und seine Flügelspannweite beträgt lediglich 42 Zentimeter. Dennoch richtet der Buntspecht enorme Schäden an: Zum Ärgernis vieler Hauseigentümer vergreift sich der gefiederte Zwerg vermehrt an den Außenwänden wärmegedämmter Häuser, in die er mit seinem Schnabel kreisrunde Löcher meißelt.
"Das ist ein deutschlandweites Problem", sagt Bernd Jellinghaus, Ornithologe beim Naturschutzbund (NABU) Nordrhein-Westfalen. Mit enormem Kraftaufwand und erheblicher Ausdauer klopfen Buntspechte zwecks Futtersuche und Bruthöhlenbau nicht nur gegen Baumstämme – auch vor Fassaden machen sie nicht halt. Kürzlich musste beispielsweise die Fassade des Amtsgerichts in Bünde dran glauben: Ein Vogel hatte sich in der Wand des Neubaus eine Höhle gebaut.
Vorzugsweise hacken Spechte dort, wo Hausherren Gebäude nach den Vorgaben der Energiesparordnung mit Dämmschichten eingepackt haben. Und das nicht nur zur Brutzeit zwischen Ende März und Ende Mai, sondern das gesamte Jahr über.
Insekten wie kleinere Nachtfalter machen es sich gern auf den Außenwänden wärmegedämmter Häuser bequem. "Wenn der Specht auf der Nahrungssuche nach ihnen pickt und dabei auf eine Wärmedämmung trifft, glaubt er, dass er auf totes Holz getroffen ist", sagt Jellinghaus. Der Specht erkenne den Hohlraum hinter der Fassade, und "alles, was hohl ist, klingt für ihn wie eine 80-jährige sterbende Buche".
Sofern der Vogel nicht auf Widerstände stößt, bohrt er tiefer und tiefer – zumindest dann, wenn er eine Bruthöhle anlegen möchte. Jellinghaus: "Wenn er vorrangig auf Nahrungssuche ist, bohrt er verteilt auf die gesamte Hauswand kleinere, nicht ganz so tiefe Löcher."
Ob klein, mittel oder groß: Hauseigentümer melden laufend Spechtschäden beim NABU. Auch Rainer Lingke von Haus und Grund Bielefeld sind hackende Buntspechte nicht fremd. Erst kürzlich machte sich einer an der Fassade eines am Waldrand von Bielefeld gelegenen Vereinsobjektes zu schaffen. Lingke: "Erst hat der Specht die Putzschicht zerstört, dann einen kleinen Gang gegraben."
Doch Haus und Grund wusste sich zu helfen: "Ganz frech", wie Lingke meint, brachten Arbeiter bei der Beseitigung des kreisrunden Lochs eine Edelstahlplatte an der Fassade an. "Durch die glatte Oberfläche findet der Specht mit seinen Füßen keinen Halt mehr, er kann sich nicht mehr festkrallen", sagt Lingke. Allen Hausbesitzern rät er: "Es ist einen Versuch wert."
Während der Brut- und Nestzeit dürfen die "Fassadenkiller" allerdings nicht gestört werden. Das verbietet das Naturschutzgesetz. Dennoch muss der entstandene Schaden schnellstmöglich behoben werden, da durch die Löcher Regen und Feuchtigkeit in die Dämmstoffe eindringen; einmal nass geworden, wird das teure Isoliermaterial schnell zur Kältebrücke.
Versicherungen übernehmen die Spechtschäden, die in den meisten Fällen mehrere tausend Euro betragen, nicht. Das bestätigt auch Kathrin Jarosch vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft: "Sie stellen keine existentielle Bedrohung wie beispielsweise Sturmschäden oder ein Wasserrohrbruch dar", sagt die Fachfrau. Daher würden sie weder durch die Hausrat- noch durch die Wohngebäudeversicherung abgedeckt.
Sichere Methoden, sich gegen die Attacken hackwütiger Spechte zu schützen, sind bislang nicht bekannt. Das Aufstellen von Vogelscheuchen scheint ebenso erfolglos zu sein wie das Aufhängen von Windspielen. Experte Jellinghaus meint: "Vergrämungsaktionen klappen, wenn überhaupt, nur bei scheuen Vögeln." Der gefiederte Zwerg wird also weiter Löcher in Hauswände meißeln.