Büren. Sie ragt hoch über dem Almetal auf. Die Wewelsburg ist das Wahrzeichen des Paderborner Lands. Bekannt ist das Renaissance-Schloss vor allem durch seine nationalsozialistische Vergangenheit – und deshalb auch ein beliebtes touristisches Ausflugsziel. Das Buch "Dark Tourism – Faszination des Schreckens" widmet ihm deshalb ein Kapitel.
"Beim Dark Tourism handelt es sich um die touristische Nutzung von Orten, die mit Schrecken, Leid, Tod und Trauer verbunden sind", erklärt Albrecht Steinecke. Er ist Professor an der kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Paderborn. Gemeinsam mit Heinz-Dieter Quack hat er das Buch mit wissenschaftlichen Beiträgen zum Dark Tourism (Dunkler Tourismus) herausgegeben.
Erstes deutschsprachiges Buch
"Zu Tourismus und Kultur gehören auch die ,dunklen Seiten der Geschichte", sagt Albrecht Steinecke. Dark Tourism sei ein relativ junges Forschungsgebiet. Es seien zunächst britische und US-amerikanische Kollegen gewesen, die sich mit dem Thema beschäftigt haben. "Bei unserem Sammelband handelt es sich um die erste umfangreiche deutschsprachige Publikation zum Thema." Generell würden hohe Besucherzahlen zeigen, dass sich viele Urlauber nicht mehr mit der heilen Welt der touristischen Hochglanzprospekte zufrieden geben. Sie wollten mehr über die Geschichte und Kultur ihrer Ferienregion erfahren, so Steinecke. (juge)Orte des Schreckens als touristische Attraktionen? In den meisten Tourismusdestinationen wird das Thema noch stiefmütterlich behandelt. "Diese Orte passen anscheinend nicht in das Bild einer unbeschwerten Urlaubswelt, die von Tourismusmanagern gerne kreiert wird – obwohl sie recht hohe Besucherzahlen verzeichnen", so Steinecke.
So wie auch die Wewelsburg bei Besuchern beliebt ist. 42.663 besuchten 2011 die Dauerausstellung "Ideologie und Terror der SS". Sie thematisiert die Geschichte der Burg: 1933 entdeckt SS-Reichsführer Heinrich Himmler das Gebäude als exklusive Versammlungsstätte für sich. In der Burg werden SS-Kunstschätze aufbewahrt, im benachbarten Konzentrationslager werden politische Gegner misshandelt.
Steinecke weiß: Zu Anfang seien "dunkle" Orte das Ziel von Angehörigen und persönlich Betroffenen. Dann entständen Gedenkstätten, die von Bildungsreisenden besucht werden. Es fänden sich aber auch immer mehr Tagesausflügler und Urlaubsgäste, die ein historisches Interesse an Stätten des Grauens haben. Außerdem löse das Schicksal anderer Menschen häufig eine emotionale Erschütterung und Empathie aus. "Der Großteil unserer Besucher sieht die Burg als Lernort, an dem sie positiv der Opfer der SS-Gewalt gedenken", sagt Kirsten John-Stucke, Leiterin des Kreismuseums Wewelsburg.
Zur Burg gehört der Nordturm mit dem Obergruppenführersaal, damals wie heute Mittelpunkt der Anlage. Zwölf Säulen umgeben den runden Raum, in der Mitte ist ein Marmormosaik in Form eines zwölfspeichigen Sonnenrades in den Boden eingelassen. Die "Dunkle Sonne" gilt als Symbol der rechtsextremen Szene – und wirkt auf diese faszinierend.
Deshalb gibt es Rechtsextreme unter den Besuchern. Sie seien vor allem am Gruppenerlebnis vor dem Sonnenrad interessiert. "Wir sind nicht frei davon", sagt John-Stucke. Der Anteil an der Gesamtbesucherzahl betrage aber weniger als zwei Prozent. Eine strenge Hausordnung verbietet verfassungsfeindliche Symbole und Gesten, rechtsextreme Gruppen werden nicht herumgeführt.
Im Saal sind Sitzsäcke verteilt. "Lümmeln statt strammstehen", sagt John-Stucke. "Die Besucher setzen sich und vermeiden es, sich um das Mosaik zu versammeln." Auch im ehemaligen Wachgebäude werden SS-Objekte bewusst nüchtern gezeigt. Bei den Besuchern komme das gut an. Und in Internetforen der rechten Szene werde der Verlust der vermeintlich "weihevollen" Atmosphäre beklagt und sogar von einem Besuch abgeraten.
Bei der Vermarktung des touristischen Zieles Wewelsburg sei Feingefühl wichtig, so John-Stucke. Steinecke sagt: "Für Tourismusdestinationen ist Dark Tou-rism die Chance, bildungs- und erinnerungsorientierte Zielgruppen zu gewinnen." So makaber es auch klingen möge: "Es entstehen immer neue Orte des Schreckens." Täglich würden in den Medien Bilder solcher Schauplätze präsentiert. Dark Tourism in Deutschland bedeute, an die nationalsozialistische Zeit zu erinnern. "Damit gehen wir sehr behutsam um." In Osteuropa finde hingegen eine Eventisierung statt: Tausende spielen historische Schlachten nach.
"Solche Angebote wird es bei uns nie geben", sagt John-Stucke. Sie wünscht sich, dass die Wewelsburg nicht nur auf ihre SS-Geschichte reduziert wird. "Die Burg ist 400 Jahre alt, nur zwölf Jahre davon hängen mit der SS zusammen."