Bielefeld. Ältere Menschen fühlen sich sehr von Kriminalität bedroht. Ihre Befürchtungen spiegeln zwar "nicht die tatsächliche Situation wider", wie Frank Scheulen, Sprecher des Landeskriminalamts, betont. Die Wahrscheinlichkeit, dass Senioren Opfer von Straftaten werden, falle statistisch um ein Vielfaches geringer aus als in jüngeren Altersgruppen. Opfern bietet das aber kaum Trost.
Die Polizei und andere Organisationen seien deshalb bemüht, älteren Menschen möglichst viele Sicherheitstipps zu geben, sagt Scheulen. Trotzdem kann einen das Schicksal wie aus heiterem Himmel treffen. Manche Verbrechen passieren aus einer ganz banalen Alltagssituation heraus. Unvorhersehbar zerstören oder verändern sie mit einem Schlag ein ganzes Leben.
Bernd Behrens (60) kann davon berichten. Der Bielefelder ist das Opfer einer schweren Straftat geworden und leidet noch heute an den Folgen. Behrens ist alleinstehend und wohnt in einem Mehrfamilienhaus im Bielefelder Norden. Aus Angst, er könnte bei seinen Peinigern von einst durch ein Interview neue Aggressionen wecken und ihnen vielleicht noch einmal in die Hände fallen, möchte er seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen.
"Wenn einem so etwas passiert, dann weiß man nicht, was zu tun ist", sagt Behrens. Seine Worte klingen leise und sind stockend. Auf dem linken Auge ist er blind. Es sind die Folgen jener Märznacht aus dem Jahr 2009, als das Leben von Bernd Behrens eine traurige Wendung nahm.
"Weil mein früherer Arbeitgeber, eine Firma aus der Möbelbranche, in Konkurs gegangen war, hatte ich einen Job als Hausmeister bei der Stadt Gütersloh übernommen", erzählt der 60-Jährige. An jenem Märzabend habe er mit Freunden in Gütersloh einen Kneipenbummel gemacht.
Kurz nach Mitternacht, als die anderen nach Hause gingen, wechselte Behrens noch einmal die Gaststätte. Als auch er dann wenig später den Heimweg antreten wollte - es war gegen ein Uhr in der Nacht -, spürte er plötzlich draußen vor der Tür einen Schlag. Dann spürte Bernd Behrens für einige Zeit nichts mehr.
Wie sich später herausstellte, hatten ihm drei junge Gewalttäter im Alter von 17 bis 25 Jahren aufgelauert. Sie hatten ihn von hinten angegriffen, zu Boden geschlagen und ausgeraubt. "Durch die Schläge und Tritte bin ich bewusstlos geworden", sagt Behrens. Wie lange er auf der Straße lag, weiß er heute nicht mehr. "Irgendwann bin ich aufgewacht.
Erst habe ich versucht, ein Auto anzuhalten. Als niemand hielt, habe ich an einem fremden Haus geklingelt. Die Menschen dort riefen sofort die Polizei und einen Krankenwagen." Zunächst wurde Behrens ins Klinikum Gütersloh und von dort ins Klinikum Münster gebracht. Schwere Kopfverletzungen und ein Jochbeinbruch wurden diagnostiziert. "Obwohl ich nur ein einfacher Kassenpatient war, hat mich der Chefarzt operiert", sagt Behrens.
"Aber mein linkes Augenlicht konnte er auch nicht mehr retten." Danach war Behrens ein Jahr lang krank geschrieben. "Ich hatte einen Rucksack voll mit psychischen Problemen", sagt er. Monatelang konnte er vor lauter Angst seine Wohnung nicht mehr verlassen. Heute erhält Behrens laufende Hilfen zum Lebensunterhalt nach dem Bundesversorgungsgesetz, was "etwa dem Niveau von Hartz IV entspricht". Es habe lange gedauert, bis er als Opfer anerkannt wurde. Seinen alten Job kann er nicht mehr machen.
Behrens arbeitet nun beim Deutschen Roten Kreuz im Bundesfreiwilligendienst jeden Tag ein paar Stunden als "Mädchen für alles", wie er selbst sagt. 140 Euro von seinem Taschengeld beim DRK darf er behalten, der Rest wird auf Leistungen nach dem Bundesversorgungsgesetz angerechnet. Die Täter sind inzwischen verurteilt, aber die Klage auf Schmerzensgeld läuft noch. "Im Zivilverfahren wird man noch einmal zum Opfer", sagt Behrens. Die alten Bilder kommen "immer wieder hoch".