Bielefeld. Die nordrhein-westfälische Landesregierung müsste 4.500 zusätzliche Lehrerstellen einrichten, um ihre bildungspolitischen Zusagen einhalten zu können. Daher dürfe es bis 2020 "auf keinen Fall Abstriche bei der Personalausstattung geben", sagte der Bildungsökonom Klaus Klemm bei der Vorlage einer Expertise zur Schulpolitik.
Die von der rot-grünen Landesregierung versprochenen Verbesserungen bei der Inklusion behinderter Schüler, bei der Ausweitung der Ganztagsschulen und bei den Krippenplätzen für unter dreijährige Kinder (U 3) seien ohne den Verbleib der "überschüssigen Pädagogen" im Schulsystem nicht zu realisieren, warnt Klemm, der für die GEW-nahe Max-Trager-Stiftung die Studie "Zur demografischen Entwicklung und zum Lehrerbedarf in NRW – Perspektiven und Chancen" erstellt hat. Sollten Lehrerstellen abgebaut werden, so drohe "die Inklusion in die Hose" zu gehen, warnte Klemm.
- Zum Schuljahr 2011/12 besuchte in NRW nur knapp jeder fünfte Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine reguläre Schule, im Bundesdurchschnitt jeder vierte.
- 70 Prozent der Eltern plädieren für die Ganztagsschulen. In NRW gab es 2011 nur für jeden dritten Schüler der Primar- und Sekundarstufe I einen Ganztagsplatz.
Nach den Prognosen des Schulministeriums wird die Schülerzahl in NRW bis 2020 von rund 2,7 Millionen auf 2,3 Millionen sinken. Diese sogenannte demografische Rendite dürfe aber keinesfalls vom Finanzminister kassiert werden, meint Klemm. Schließlich habe die Landesregierung sich in ihrem Koalitionsvertrag und im Bildungskonsens mit der CDU zu Reformen verpflichtet, die einen Abbau von Lehrerstellen nicht erlaubten, sagte Klemm im Gespräch mit dieser Zeitung.
Klassenrichtwerte senken
Dazu zähle die Verbesserung der Schüler-Lehrer-Relation. So sollen die Klassenrichtwerte an Gymnasien, Gesamt- und Realschulen schrittweise von 28 Schülern pro Lehrer auf 26 gesenkt werden und an Grundschulen von 24 auf durchschnittlich 22,5.
Schulformübergreifend lag das Verhältnis in Nordrhein-Westfalen zum Schuljahr 2011/12 bei 16,4 Schülern pro Lehrer. Im Vergleich aller Bundesländer lag nur Schleswig-Holstein mit 16,5 noch schlechter als NRW.
Die versprochene Aufholjagd bei der Verbesserung der Schüler-Lehrer-Relation kostet laut Klemm 6.250 zusätzliche Stellen. Weitere 5.500 seien nötig, um die Teilnahmequote am Ganztagsunterricht mit 70 Prozent auf dann über eine Million Ganztagsschüler verdoppeln zu können.
Und der gemeinsame Unterricht mit Behinderten erfordere bis 2020 zusätzlich 4.100 Vollzeitstellen. Fast ebenso viele seien nötig für planvolle Schul- und Unterrichtsentwicklung. Außerdem könnten aus der Demografierendite mehrere tausend Erzieherstellen gegenfinanziert werden.
Schule bleibt Investitionsschwerpunkt
"Das ist Rückenwind dafür, dass der Bereich Schule mit den Themenfeldern Inklusion, Umsetzung des Schulkonsens und Ganztagsausbau auch in Zukunft wichtiger Investitionsschwerpunkt in NRW bleibt", erklärte Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne). So will auch Klemm sein Gutachten verstanden wissen. Für den angestrebten Erfolg brauche die Politik gute Bedingungen.
Die GEW-Landesvorsitzende Dorothea Schäfer fordert eine Garantie für den Verbleib der demografischen Rendite bis zum Ende der Legislaturperiode. Die von der Ministerin gegebene Zusage bis 2015 reiche nicht aus. "Dieser Zeitpunkt ist viel zu früh angesetzt. Wer den Mund spitzt, muss auch pfeifen. Wer Priorität für Bildung will, muss auch nach 2015 alle Stellen im System belassen", sagte Schäfer.