Extertal. Die gute Laune war dem fleißigen Zugpersonal der Landeseisenbahn Lippe (LEL) trotz des Regens anzusehen: Nach über viereinhalbjähriger Unterbrechung fahren nun wieder elektrische Züge durch Nordlippe.
Vorausgegangen waren für die Projektbeteiligten zuletzt noch einige Tage des Hoffens und Bangens. Der Bahnstrom wurde zwar rechtzeitig bereitgestellt. Dennoch blieben nur 48 Stunden, um die aufwändig restaurierte 86-jährige E-Lok unter Belastung testen zu können. Die Freude war groß, als dann mit dem symbolischen Startknopf der Strom in Bösingfeld eingeschaltet wurde und sich der gut gefüllte Heckeneilzug hinauf zur Bergstation Alverdissen in Bewegung setzte. Dort übernahm die Diesellok V 2.004 Ihren Zugdienst für den nicht elekrifizierten Streckenabschnitt nach Dörentrup.
Bei einem kleinen Festakt spielte am Bahnhof Alverdissen das Lipperlandorchester unter der Leitung von Peter Werpup auf. Golo Kahlert, Geschäftsführer des Historischen Vereins zur Erhaltung der Eisenbahnen in Lippe, gemeinnütziger Trägerverein der LEL, dankte für die großartige Unterstützung allen beteiligten Firmen, Sponsoren und den vielen Vereinsmitgliedern, ohne die ein solches Projekt nicht durchführbar gewesen wäre. Barntrups Bürgermeister Herbert Dahle lobte die Alverdisser Vereine für die Mitwirkung bei der durch "Leader"-Mittel geförderten Sanierung des Bahnhofsumfelds, die nun auch der Eisenbahn zu Gute kommt.
Landrat Friedel Heuwinkel würdigte die Ausdauer und Energie der nordlippischen Eisenbahnfreunde für das Projekt "Historische Elektrobahn". Auf die historischen Hintergründe aus Sicht der Denkmalpflege nahm Landeskonservartor Dr. Markus Harzenetter Bezug. Als Vetreter des Landschaftsverband Westfalen-Lippe konnte er die Förderung von 5.000 Euro für das Fahrwerk der Lok bekanntgeben. MdB Cajus Caesar hob die Leistung des Projektverantwortlichen Bernd Rehm hervor, der sowohl die E-Lok-Instandsetzung als auch den Wiederaufbau der Oberleitung maßgeblich betreut hat. Besonders beeindruckt zeigte sich MdL Jürgen Berghahn von der fruchtbaren Jugendarbeit, die hier durch Weitergabe von Wissen und Erfahrungen älterer Vereinsmitglieder so gut funktioniert.
Das zweitägige Bahnhofsfest in Alverdissen wurde von vielen Schultern getragen. Neben dem Heimat- und Verkehrsverein trugen auch das Lipperlandorchester, der Männergesangsverein, der Schwimmbad-Förderverein, der TBV-Jahn-Alverdissen, das Heimatmuseum sowie die Bahnhofswirtin Dagmar Treffon zum Gelingen bei. Auf der E-Lok wurden außerdem Führerstandsmitfahrten angeboten.
Zur Geschichte der Extertalbahn
Der 1927 gebaute Gütertriebwagen "Lok 22" ist die älteste erhaltene Elektrolokomotive in Deutschland, die immer noch auf ihrer Stammstrecke fährt. Die Geschichte der Extertalbahn beginnt am 24. September 1924 mit der Gründung der "Extertalbahn Aktiengesellschaft" (EAG). Ziel war es, die Stecken Löhne - Hameln, Rinteln - Stadthagen und Lage - Hameln zu verbinden.Fünf Jahre später schlängelte sich die 28 Kilometer lange Strecke durch die Talaue der Exter entlang einer Landstraße. Das Ungewöhnliche für die Zeit: Auf der Strecke bewegten sich kastenartige Loks, die nicht dampften, sondern die nötige Energie in Form von Elektrizität aus einem Fahrdraht bezogen.
Da das damalige Elektrizitätswerk "Wesertal GmbH" aus Hameln Mitgesellschafter der EAG war, wurde die Strecke von Anfang an mit 1.500 Volt Gleichspannung elektrifiziert. Die Vorteile liegen auf der Hand: Elektroloks sind einfacher zu handhaben als Dampfloks, sie können schneller beschleunigen und können auch größere Steigungen bewältigen. So konnte man beim Bau im Extertal aufwändige Erdbewegungen vermeiden. Der Gleichstrom hat allerdings im Vergleich zum Drehstrom den Nachteil, dass er nicht ohne Leitungsverluste über größere Entfernungen geführt werden kann. Deshalb baute die EAG ihren Betriebssitz auf halber Strecke in Extertal-Bösingfeld und speiste hier den Gleichstrom ein.
Die EAG, die sich 1967 in "Verkehrsbetriebe Extertal" umbenannt hat, war von Anfang an auf den Personen- und den Güterverkehr ausgerichtet. Den regelmäßigen Personenverkehr hat sie 1969 eingestellt, der letzte Güterzug rollte 2001 über die lippische Strecke. Große Sorge bereitete in den vergangenen Jahren der Kupferklau, dem große Abschnitte des Fahrdrahtes zum Opfer fielen und der fast zum Untergang des durch den Landschaftsverband Westfalen-Lippe anerkannten Denkmals geführt hätte.
Doch der Verein Landeseisenbahn Lippe hat erhaltene Abschnitte aus dem nördlichen Teil abgebaut und auf dem südlichen Teil wiederverwendet und die Strecke so gerettet. Während seit 2002 auf dem nördlichen Teil zwischen Bösingfeld und der Landesgrenze Touristen auf fußgetriebenen Draisinen fahren können, schickt der Verein Landeseisenbahn Lippe nun wieder die historische Lok auf die Südstrecke zwischen Bösingfeld und Alverdissen. Den nötigen Gleichstrom speisen nach wie vor zwei originale Quecksilberdampf-Gleichrichter ein.