Minden (mt). Der mutmaßliche Finanzchef einer international agierenden Schleuserbande wurde am Dienstagmorgen in Minden festgenommen. Wie die Polizei mitteilt, wird der 43-jährige Deutsch-Iraker des Menschenhandels und der Urkundenfälschung beschuldigt. Er soll geholfen haben, mindestens 100 Menschen nach Deutschland geschleust zu haben.
Bei dem Verdächtigen soll es sich um den Familienvater Hadi D. aus Rodenbeck handeln. Der Mann soll im Stadtteil ein kleines Lebensmittelgeschäft betrieben haben. Er hatte eine legale Aufenthaltsgenehmigung. Die Polizei durchsuchte am Dienstag die beiden Wohnungen des Deutsch-Irakers und stellte diverse Datenträger, Dokumente und Bargeld sicher. Außerdem wurden Autos der Familie durchsucht. Die Beweismittel werden jetzt ausgewertet.
Laut Auskunft der Bundespolizeidirektion Hannover verwaltete Hadi D. vermutlich die Einnahmen aus den Schleusungen. "Pro Person soll die Bande zwischen 5.000 und 10.000 Euro kassiert haben", sagte Sprecher Thorsten Völlmecke. Darin enthalten seien der Transport und mögliche falsche Pässe. In Minden seien die Finanzströme zusammengelaufen. "Wir ermitteln seit Dezember letzten Jahres."
Die Ermittler gehen davon aus, dass die Bande international vernetzt war und zahlreiche Helfer hatte. Es handelt sich in den meisten Fällen um gebürtige Syrer oder Iraker. Ihre Opfer, Kriegsflüchtlinge aus beiden Ländern, sollen über die Türkei, Griechenland, Italien, Österreich und Frankreich nach Deutschland gebracht worden sein. Anschließend stellten sie einen Asylantrag in Deutschland.
350 Beamte an 28 Razzien beteiligt
In zwei Fällen sollen die betroffenen Ausländer angehalten worden sein, sich sämtliche Fingerkuppen gewaltsam abschleifen zu lassen und so ihre Identität zu verschleiern. Die Bande wollte so sicherstellen, dass die Opfer in Deutschland Asyl beantragen konnten, obwohl ihre Fingerabdrücke nach einer Ablehnung in einem anderen europäischen Land bereits im System gespeichert waren.
"Die Bande hat ihren Kunden quasi eine Erfolgsgarantie zugesichert", sagte Völlmecke. Das schmerzhafte Abschleifen der Fingerkuppen sei extra berechnet worden. Es ist laut Auskunft der Experten aber wirkungslos, da die Fingerabdrücke in identischer Form nachwachsen.
Angeordnet haben soll die Verstümmelung ein 35-jähriger Twistringer. Der Mann ist mutmaßlicher Kopf der Bande. Auch bei ihm führte die Polizei gestern ab 6 Uhr eine Razzia durch. Zusätzlich wurden bundesweit 26 weitere Wohnungen und Geschäftsräume durchsucht. Völlmecke: "Deutschlandweit waren etwa 350 Beamte beteiligt, davon allein 40 in Minden."
Die Polizei nahm die beiden Hauptverdächtigen, Hadi D. und den Mann aus Twistringen, sowie einen Mittäter fest. Außerdem wurden zwei mutmaßliche Schleuser verhaftet. Eine kleinere Durchsuchung gab es laut Auskunft von Völlmecke auch im niedersächsischen Raddestorf.
Hadi D. wurde gestern einem Haftrichter vorgeführt. Die Staatsanwaltschaft Verden ermittelt wegen Urkundenfälschung und Einschleusung von Ausländern.