Gütersloh/Bielefeld. In vielen nordrhein-westfälischen Städten drohen Familien wegen hoher Mietkosten unter die staatliche Grundsicherung zu rutschen. Das geht aus einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung hervor. Demnach haben nach Abzug der Miete Familien in 16 der 38 größten Städte im Land im Schnitt weniger Geld zur Verfügung als den Hartz-IV-Regelsatz von 1.169 Euro im Monat. Das gehe vor allem zu Lasten der Kinder, fürchten die Forscher, weil weniger Geld etwa für Bildung, Kultur und Sport bleibe.
NRW steht mit 42 Prozent betroffener Kommunen etwas besser da als der Bund insgesamt. In 60 der 100 größten Städte in Deutschland rutschen Familien laut der Studie nach Abzug der Miete unter den Hartz-IV-Regelsatz. Berechnet wurde dies für eine vierköpfige Familie mit weniger als 60 Prozent des regionalen Durchschnittseinkommens, die ein Kind bis 7 Jahre sowie ein Kind zwischen 7 und 14 Jahren hat.
Die Ergebnisse der Studie des Empirica-Instituts im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung basieren auf Auswertungen des Mikrozensus 2011 und von Immobilienangeboten. "Familien aus der unteren Mittelschicht und oberen Unterschicht geraten in Städten mit angespanntem Wohnungsmarkt finanziell stark unter Druck. Armut muss in Deutschland stärker regional erfasst und bekämpft werden", sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung.
OWL steht im Vergleich gut da
Die Situation in den Städten ist sehr unterschiedlich. OWL steht im Vergleich gut da. In Gütersloh etwa verbleiben einer einkommensschwachen Familie (maximal 2.007 Euro) nach Zahlung der Miete (21,7 Prozent des Haushaltseinkommens) noch 1.570 Euro. Der Betrag liegt 34 Prozent über dem Hartz-IV-Regelsatz. In Minden bleiben der Musterfamilie 1.362 und in Paderborn 1.462 Euro.
Nur in Bielefeld rutscht das verfügbare Budget mit 1.087 Euro nach Abzug der Mietkosten 7 Prozent unter den Hartz-IV-Regelsatz. In Jena etwa sind es nur 666 Euro (43 Prozent unter der staatlichen Grundsicherung). Ähnliche Auswirkungen hätten hohe Wohnkosten in Frankfurt, Freiburg und Regensburg. Beim Anteil familiengeeigneter Wohnangebote etwa (z. B. mehrere Zimmer) liegt Minden mit 70 Prozent bundesweit auf Platz 1.
Norbert Wörmann vom Sozialdezernat der Stadt Bielefeld verwies darauf, zu beachten, dass auch ergänzende finanzielle Hilfen, die in Frage kämen, in die Berechnungen mit einfließen müssten. Ein Drittel des Einkommens für die Miete sei durchaus ein Richtwert. In Bielefeld sind es nach den Berechnungen 27,9 Prozent.
Forderungen nach bezahlbarem Wohnraum
Für den Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft Rheinland/Westfalen sind die Ergebnisse ein Zeichen dafür, dass Familien auch beim Thema Wohnen mehr Unterstützung erfahren müssen. "Es würde schon helfen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, wenn die energetischen Auflagen an ein Gebäude nicht ständig nach oben geschraubt würden", sagt Verbandsdirektor Alexander Rychter. Eine bundespolitisch angedachte Verschärfung der Energieeinsparverordnung sei kontraproduktiv.
Auch der Mieterbund OWL sieht sich in seinem Einsatz für mehr bezahlbaren Wohnraum bestätigt. Wenn 35 bis über 50 Prozent vom Haushaltsbudget für die Miete draufgehe, sei das einfach unverhältnismäßig, sagt Geschäftsführer Joachim Knollmann.