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Löhne

Die Asche unserer Ahnen

Die Archäologen um Dr. Daniel Bérenger haben 31 Brandgräber aus dem 4. Jahrhundert freigelegt

Die Archäologiestudentin Sina Schwetje (25) aus Bad Oeynhausen zeichnet das Profil einer Grabstelle auf dem Scheidkamp. Bis zum 31. Juli verlassen die Archäologen die künftige Hermes-Großbaustelle. - © FOTO: ULF HANKE/ MONTAGE: THOMAS GRUNDMANN
Die Archäologiestudentin Sina Schwetje (25) aus Bad Oeynhausen zeichnet das Profil einer Grabstelle auf dem Scheidkamp. Bis zum 31. Juli verlassen die Archäologen die künftige Hermes-Großbaustelle. (© FOTO: ULF HANKE/ MONTAGE: THOMAS GRUNDMANN)

Löhne. Von oben betrachtet sind es nur schwarze Flecken auf einem kahlrasierten Feld. Wer aber wie die Archäologiestudentin Sina Schwetje ganz genau hinschaut, entdeckt auf dem Scheidkamp die sterblichen Überreste unserer Ahnen. Für das Hermes-Warenverteilzentrum sollen hier in wenigen Monaten die Bagger rollen und die riesige Fläche planieren. Es war die letzte Chance für Entdeckungen.

Und die Forscher haben gefunden, wonach sie gesucht haben: 31 Brandgräber aus dem 4. Jahrhundert nach Christus sind freigelegt, dokumentiert und gesichert. Bis zum 31. Juli sind die Arbeiten abgeschlossen. Das Gräberfeld hat keine Bodenschätze preisgegeben, aber die Vermutungen des Archäologen Dr. Daniel Bérenger vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) bestätigt.

Bis 400 nach Christus haben auch die Löhner Germanen ihre Toten auf dem freien Feld verbrannt. Die Asche wurde zusammengekehrt und in Löchern bestattet. Die eigentliche Bestattungszeremonie war aber wohl das Verbrennen auf Scheiterhaufen. "Wo diese Stelle war, wissen wir leider nicht", sagt Bérenger. Durch jahrzehntelanges Pflügen, zuletzt auch auf 50 Zentimetern Tiefe, seien diese Spuren längst verwischt.

Die Germanen haben, als das Feuer aus war, vermutlich zu Holzspaten gegriffen, Löcher in den lehmigen Boden gegraben und die Asche dort versenkt.

Mit der Schaufel legen die Grabungshelfer die Grabstellen frei.
Mit der Schaufel legen die Grabungshelfer die Grabstellen frei.

Besonders Grab Nr. 3 war interessant gefüllt. Dort haben die Grabungshelfer Knochenreste und Metallisches gesichert. "Das haben wir sofort zum Röntgen nach Münster gegeben", sagt Bérenger. Die Ergebnisse stehen noch aus.

Die Grabung unter sengender Sonne ist ein langwieriges Geschäft. Seit zwei Monaten sitzen die Helfer mitten im Feld. Ein Baggerfahrer hat mit viel Gefühl die oberste Bodenschicht abgetragen. Den Rest müssen die Helfer mit Feinwerkzeugen erledigen.

Rolf Nagel kratzt mit einem Schabe-Eisen Schicht für Schicht vom dunklen Fleck und pult mit einem Stuckateurmesser die größeren Teile aus dem Loch. Die Asche spachtelt er in kleine, durchsichtige Plastiktüten. Jede trägt Datum, Ort und Registernummer. Größere Überreste kommen in Pappkartons.

Sina Schwetje sitzt derweil an einem anderen Grab. Sie zeichnet einen Querschnitt auf. Stundenlang hockt sie in der etwa 50 Zentimeter tiefen Schnittstelle und zeichnet mit Buntstiften die Umrisse des Lochs nach. Die 25-Jährige studiert Vor- und Frühgeschichte an der Uni Münster und hat schon an der Grabung auf der Trasse der Nordumgehung mitgearbeitet (siehe Kasten). Ihr Elternhaus steht in Bad Oeynhausen.

Dass der Scheidkamp ein germanisches Gräberfeld verbirgt, war lange Zeit nur dem LWL-Archäologen Dr. Daniel Bérenger bekannt. Einer seiner Vorgänger, der Bünder Professor Langewiesche, hatte die Stelle am Scheidkamp um 1913 auf Karten markiert, weil er ein Römerlager im Boden vermutete und die Information ausschließlich an seine Nachfolger weitergegeben. Bérenger hatte nach Stichproben auf das Gräberfeld getippt. "Ich hätte aber nicht gedacht, dass hier tatsächlich mal gebaut wird", sagt der Archäologe. Die Pläne von Hermes-Fulfilment beschleunigten die Ausgrabung.

76.000 Euro darf die Grabung insgesamt kosten. "Wir bleiben darunter", sagt Bérenger. Bezahlt wird die Rechnung von Hermes. Grundlage ist ein achtseitiger Vertrag zwischen vier Partnern: Stadt Löhne, Heimatverein, Entwicklungsgesellschaft ECE und dem Landschaftsverband.

Diese komplizierte Kons-truktion war nach Gerichtsurteilen über das Denkmalschutzgesetz in NRW nötig geworden.

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