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Gütersloh

Regisseur aus Gütersloh macht Furore mit provokantem Hitler-Film

Tobias Haase dreht einen Werbespot als Abschlussarbeit seines Filmstudiums / Daimler-Konzern distanziert sich von dem Video

Eine moderne Mercedes-Karosse inmitten einer alten Dorfkulisse. Auf den ersten Blick fällt es kaum auf, dass es sich bei dem Videoclip um eine
Eine moderne Mercedes-Karosse inmitten einer alten Dorfkulisse. Auf den ersten Blick fällt es kaum auf, dass es sich bei dem Videoclip um eine Satire und nicht um einen offiziellen Werbefilm handelt. (© FOTO: DPA)

Gütersloh. Brillant oder würdelos? Der Gütersloher Filmstudent Tobias Haase hat einen Videoclip gedreht, in dem ein Mercedes den jungen Adolf Hitler totfährt. Der Kurzfilm schlägt bundesweit Wellen, inzwischen wurde er knapp zwei Millionen Mal geklickt.

"Dass der Film Reaktionen auslösen würde, war mir von vornherein klar", sagte Haase. In dieser Massivität allerdings habe er das nicht erwartet. Der Medienrummel sei enorm, es lägen Anfragen von etlichen Fernsehanstalten und Verlagshäusern vor. Er lasse sich davon nicht stressen; wie geplant, macht der 32-Jährige in diesen Tagen Urlaub in Kroatien.

Information

Tobias Haase

Geboren 1981 in Dresden.

Die Familie flieht 1990 aus der DDR und siedelte sich in Isselhorst an.

Abitur am Evangelisch Stiftischen Gymnasium.

2006 erste Teilnahme am Gütersloher Kurzfilmfestival im Bambi-Kino.

2007 Sieg beim Kurzfilmfestival mit "1050"; der Film behandelt Aufwachsen und Überleben eines Frühchens.

2013 dritte Teilnahme mit "B.O.A.T.S." – Platz 8.

Auftragswerke für Peter-Glaesel-Stiftung, IG Metall, Klaus Brandner MdB.

Zunächst Studium Mediendesign in Köln, seit 2008 Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg.

Darf man mit Hitler Werbung machen? Oder in einem Werbeclip ein kleines Kind überfahren lassen? Von dem Auto eines Konzerns, der in der Nazi-Zeit Rüstungsgüter produzierte? Das provokante Video, 80 Sekunden lang, wirft eine Reihe von Fragen auf. In dem Film erkennt der Mercedes dank seines Fahrerassistenzsystems "Gefahren, bevor sie entstehen" - und nimmt kurzerhand den kleinen Adolf Hitler unter die Räder. Der Junge war vergnügt durch die Gassen eines Ortes gehüpft, mit einem Drachen in der Hand, durch einen Ort, der sich zum Ende des Films als Braunau am Inn zu erkennen gibt. Im Staub der Straße liegt das tote Kind, die Gliedmaßen zu einem Hakenkreuz geformt.

"Ja, wir wollten einen polarisierenden Film machen", sagte Haase. Keinen langweiligen, sondern einen mutigen. Werbung sei in Deutschland sehr brav, schaue man nach England oder Amerika, finde man viel öfter Filme, die Grenzen sprengen. "Intelligente Fahrsysteme sollen Menschenleben schützen, das ist es doch, womit die Autofirmen werben. Was aber, wenn Autos ein Seele haben und sogar den Lauf der Geschichte beeinflussen? Das war die Idee für unseren Film." Gedreht hat Haase ihn als Abschlussarbeit für sein Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg.

Mercedes distanziert sich von dem Spot. "Wir sind der Überzeugung, dass es unangemessen ist, den Tod eines Menschen beziehungsweise eines Kindes sowie Inhalte mit einem Bezug zum Nationalsozialismus in einem Werbespot zu verwenden", erklärte Daimler. Haase und die Macher des Videos fügten auf Wunsch des Autoherstellers nachträglich den Hinweis hinzu, dass Daimler nichts mit dem Spot zu tun habe. Der Gütersloher sagte, der Kontakt mit Mercedes sei sehr professionell, sehr sachlich abgelaufen. "Dem Konzern ging es nicht darum, unser Video zu verhindern; ihm war es allein wichtig, kenntlich zu machen, dass es sich nicht um eine offizielle Firmenwerbung handelt."

Der Werbespot ist technisch hochwertig und handwerklich ausgereift. Haase und sein Team zeigen, was sie können. Farben und Inhalt des Films changieren zwischen Hochglanzästhetik und Brauntönen, zwischen Zurschaustellung von technischem High End und Mädchen mit Zöpfen. Der Film ist einer von zwei Abschlusswerken, die Haase zum Abschluss seines Studiums vorlegen muss. Der andere ist ein Science-Fiction-Streifen: anderes Genre, andere Bildsprache. Abgedreht sei der Film bereits, nun werde er geschnitten. Im Frühjahr, so hofft Haase, sei er fertig und damit sein Studium als Filmemacher absolviert. Wie es danach weitergehe, wisse er noch nicht.

Sein Hitler-Clip löste im Netz sofort zwiespältige Reaktionen aus. Nutzer der Videoplattform Vimeo, auf der der Film zu sehen ist, bezeichnen ihn als "nicht witzig" und schreiben von "deutlicher Kaltschnäuzigkeit". Andere loben den Film als "geniales Stück" oder "schlichtweg großartig". Auf jeden Fall ist er gut gemacht: Haases Kurzfilm ist für den Deutschen Nachwuchspreis "First Steps" nominiert, ein Wettbewerb, den - Schmonzette am Rande - auch Mercedes-Benz unterstützt.

Der Isselhorster, Abiturient am Evangelisch Stiftischen Gymnasium, sagte, er freue sich über die lebhafte Diskussion. "Mein Team und ich sind stolz, diesen Film gemacht zu haben." Deutsche Autobauer sollten sich in Sachen Werbung mehr trauen, findet Haase. "Es gibt unglaubliches Potenzial, tolle Filme zu machen, aber die Firmen wollen zumeist ihre technischen Neuerungen gezeigt haben. Das ist doch langweilig."

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