Bad Oeynhausen. Der frühe Tod der Mutter, Deportation, Arbeitslager in Sibirien - das Leben der heute 86-jährigen Lydia Beller hätte kaum entbehrungsreicher sein können. Sie ist eine von etwa einer Million Russlanddeutschen, die 1941 auf Befehl Stalins nach Sibirien oder in andere asiatische Sowjetrepubliken deportiert wurden. An das Schicksal dieser Menschen erinnert der Tag der Russlanddeutschen (28. August).
Trotz der harten Jahre zeigt Lydia Beller der Welt ein Lächeln. Vor allem wenn sie an ihre 5 Kinder, 23 Enkel und 27 Urenkel denkt. Heimat heißt für sie nicht Russland, Wolga oder gar Kirgisien, wo sie ab 1968 mit Ehemann Jakob gelebt hat, sondern Bad Oeynhausen.
Ihren Mann hat sie 1949 in Kasachstan kennengelernt und schnell geheiratet. Er starb 1977 bei einem Arbeitsunfall. Seit 1990 wohnt die heute 86-Jährige mit ihrer Familie in OWL. "Ich hab mich hier gleich frei und zu Hause gefühlt", erzählt sie. Dabei war es damals nicht gerade die Ankunft im gelobten Land: Wochenlang lebte die Familie mit 102 Menschen in einer Turnhalle, von dort aus ging es ins Verwaltungsgebäude der Weserhütte. "Dort hatte jede Familie ein Zimmer, und es gab eine Küche mit Speisesaal", erzählt Lydia Beller. Ein paar Monate später bezog die damals 64-Jährige ihre erste eigene Wohnung.
Deportation ins Gulag
Geboren wurde sie in der damaligen autonomen Wolgadeutschen-Sowjetrepublik. Die Familie lebte in ärmsten Verhältnissen. Die Mutter starb, als Lydia acht war. 1941 ordnete Stalin die Deportation der deutschstämmigen Bevölkerung aus dem Wolgagebiet an. "Wir durften nur mitnehmen, was wir tragen konnten", sagt Lydia Beller. 1942 folgte die Deportation ins sibirische Arbeitslager. "Fürs Bäumefällen war ich zu schwach. Ich half bei der Kartoffelernte und bei den Pferden."
Irgendwann wurde sie für ihre Arbeit im Gulag sogar ausgezeichnet. Die Prämie: eine Fahrkarte nach Kasachstan, wo ihr Vater lebte. Knapp drei Wochen dauert die Fahrt dorthin. Bei der Ankunft erkannte sie ihr Vater erst nicht. Dann war der Empfang umso herzlicher. "Ich wusste nicht, dass man vor Freude weinen kann."