Lippische Landes-Zeitung: Nachrichten aus Lippe, OWL und der Welt

Schloß Holte-Stukenbrock

49-Jährige erlebt, wie ihr Ehemann zur Frau wird

Buchautorin Linda Kokott schreibt über das Leben mit ihrem Mann Detlef, der sich nach 14 Jahren Ehe zu seiner Transsexualität bekannt hat. - © FOTO: SILKE GENSICKE
Buchautorin Linda Kokott schreibt über das Leben mit ihrem Mann Detlef, der sich nach 14 Jahren Ehe zu seiner Transsexualität bekannt hat. (© FOTO: SILKE GENSICKE)

Schloß Holte-Stukenbrock. Linda Kokott war zu Beginn ihrer Ehe darauf eingestellt, dass der Lebensbund turbulent und unberechenbar, aber auch leidenschaftlich, voller Liebe und schöner gemeinsamer Momente sein würde. 14 Jahre lang sollte die heute 49-Jährige recht behalten. Dann gestand Ehemann Detlef ihr, als Frau leben zu wollen.

Mal fand Linda Kokott ein langes Haar auf dem Waschbeckenrand im Badezimmer, mal war sie von einem Durcheinander ihrer Schminkutensilien im Bad irritiert. "Ich habe gedacht, dass mein Mann mich vielleicht betrügt. Mit dem, was dann kam, habe ich aber nie gerechnet." Noch heute erinnert sie sich ganz genau an den Tag, der ihr Leben auf den Kopf stellte. "Ich hatte frei und war mit dem Hausputz beschäftigt, als ich etwas im Flur klappern hörte", erzählt sie. Als sie nachsah, entdeckte sie den Hauskater, der mit einem Schuh spielte – einer gläsernen Sandalette. Die hatte sie noch nie gesehen. Mit dem Schuh in der Hand durchforstete Kokott die Wohnung. Unter dem Schreibtisch im Arbeitszimmer fand sie einen Karton. Der Inhalt: der zweite Schuh, Damenwäsche, Schminke. "Darin war alles, was eine Frau so braucht", sagt Kokott und senkt ihren Blick. "Die 14 Ehejahre erschienen mir plötzlich als eine einzige große Lüge."

Wochenlang hat Kokott nach ihrem Fund mit sich gehadert, suchte den richtigen Moment für eine Aussprache mit Detlef. Doch mit der Reaktion hatte die verunsicherte Ehefrau nicht gerechnet. "Er hat mich angeschrien, ich würde ihm nachspionieren, ich würde hinter ihm herschnüffeln. Dann machte er dicht."

Ab sofort kam sie nicht mehr an ihn heran, beide lebten nebeneinander her. Sie sprachen eineinhalb Jahre lang nur das Nötigste miteinander. Im November 2007 zog Kokott aus der gemeinsamen Wohnung aus. Ein Schritt, der an der freundschaftlichen Verbundenheit der beiden nichts änderte. "Funkstille herrschte bei uns nie", sagt sie und erinnert sich an das erste Treffen nach ihrem Auszug. "Das war ein Bild, das ich nie vergessen werde: Er trug einen langen grauen Rock, Strumpfhose, schwarze Sandalen, einen grauen Strickpulli und Ohrringe. Brüste waren auch zu sehen. Ich war geschockt", sagt Kokott. Trotzdem brach sie den Kontakt nicht ab.

Zum Jahreswechsel 2008 dann der nächste Schock: "Er hat mich gebeten, ihn bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Frau zu begleiten", erzählt Kokott. Sie sagte ja. Es ging nach Bielefeld. In eine Kneipe, in der "ein Mann sein kann, wie er will". Während Detlef den Ausflug genoss, nagte das Erlebte an seiner Frau. Die Bilder des Abends verfolgten sie in den nächsten Wochen. "Macht der das auch?", fragte sie sich, sobald ein Mann die Spielhalle betrat, in der sie arbeitete. "Ich hab mich so belogen, so betrogen und hintergangen gefühlt."

Doch ein Leben ohne einander konnte sich das ungewöhnliche Paar auch nicht vorstellen. Im Mai 2008 zogen sie wieder zusammen. Heute lebt Kokotts Mann sein Leben als Frau, arbeitet als Lkw-Fahrerin, und auch in seinem Pass ist er trotz fehlender Geschlechtsumwandlung schon ganz Frau. Detlef heißt jetzt Karin. An ihrer Seite steht seit 21 Ehejahren Karins Frau Linda. "Ich respektiere und liebe sie, aber nicht so, wie ich meinen Mann geliebt habe", sagt Kokott mit einem Lächeln. "Sie ist der wunderbarste und liebenswerteste Mensch, den ich kenne. In ihr habe ich nicht nur eine wunderbare Partnerin an meiner Seite, sondern auch eine neue Freundin dazugewonnen."

Die Ehe aufzugeben kommt für das Paar im Moment nicht in Frage. "Wir bleiben so lange zusammen, wie es das Leben gut mit uns meint", sagt Kokott. Auch bei der Operation, die Karin im kommenden Jahr endgültig zur Frau machen wird, steht Kokott fest an der Seite ihrer Partnerin.

Sie hat über ihre Erfahrungen jetzt ein Buch geschrieben. Es beschreibt ungeschönt ein ganz persönliches Wechselbad der Gefühle. Damit hofft sie, zu mehr Toleranz gegenüber Transgendern beitragen zu können. "Sie sollten so akzeptiert werden, wie sie sind", sagt Kokott. Sie selbst hat es vorgelebt. Mit Detlef. Und mit Karin.
*Linda Kokott, Aus dem Leben mit Ihm/Ihr, Wagner-Verlag, 100 Seiten

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2026
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.