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Schloß Holte-Stukenbrock

Abschiebung schockt Mitschüler in Schloß Holte-Stukenbrock

16-Jährigen nachts nach Serbien transportiert

Abdullah Kücük, Halil Gönül, Emira Sejdiu, Fetije Ismani, Blerina Konxheli und Nur Mohammed (v. l.) zeigen das Plakat, das in der Lisa-Tetzner-Schule aushängt und in dem dringend um Hilfe für ihren ehemaligen Mitschüler gebeten wird. - © FOTO: KARIN PRIGNITZ
Abdullah Kücük, Halil Gönül, Emira Sejdiu, Fetije Ismani, Blerina Konxheli und Nur Mohammed (v. l.) zeigen das Plakat, das in der Lisa-Tetzner-Schule aushängt und in dem dringend um Hilfe für ihren ehemaligen Mitschüler gebeten wird. (© FOTO: KARIN PRIGNITZ)

Schloß Holte-Stukenbrock. Birhan Avdulahu ist in Deutschland zur Welt gekommen, in Schloß Holte-Stukenbrock aufgewachsen. An der Lisa-Tetzner-Schule (LTS) hätte der 16-Jährige im kommenden Jahr seinen Schulabschluss gemacht. Eine Lehrstelle hatte er bereits sicher. In der Nacht vom 25. auf den 26. September ist aus einem Leben mit Perspektive ein Leben ohne Zukunft geworden.

Birhan Avdulahu, seine psychisch kranke Mutter und seine beiden Brüder (20 und 9 Jahre), die der Flüchtlingsgruppe der Roma angehören, sind nach Serbien abgeschoben worden. Die beiden LTS-Pädagogen Ulrike Gärtner und Henning Rüschenschmidt berichten übereinstimmend, dass Birhan, der die Schule seit Februar vergangenen Jahres besuchte, ungewöhnlich zuverlässig und wissbegierig gewesen ist. "Er war die Stütze seiner Klasse und sehr sozial eingestellt."

Beim Michael-Jackson-Projekt spielte Birhan das Schlagzeug. Viele freiwillige Proben schob der 16-Jährige ein, setzte auch im Unterricht alles daran, weiterzukommen. Während eines Praktikums in einem Kfz-Betrieb bekam er spontan eine Ausbildungsstelle angeboten. "Besser kann man sich nicht integrieren", meint Ulrike Gärtner. "Jetzt ist fraglich, was aus der Familie wird. Das erschüttert uns alle." Vor einigen Tagen hat Birhan über Facebook einen Hilferuf aus Serbien abgesetzt. "Der Familie geht es gar nicht gut", erzählt sein Freund Halil Gönül (15).

Kein Geld, nur eine notdürftige Unterkunft. "Dort geht es ums nackte Überleben", sagt Ulrike Gärtner. "Birhan ist ein toller Junge, dort unten hat er keine Chance." Insbesondere, weil Roma nicht anerkannt seien, viele in Serbien in Armut und Elend leben. Henning Rüschenschmidt zeigt Bilder von Slums. "Unvorstellbar, dass es so etwas in Europa gibt." Selbst an einen Schulbesuch ist nicht zu denken. Dafür braucht Birhan Bücher. Die kosten Geld, das er nicht hat.

"Aus Sicht der Ausländerbehörde hat die Familie illegal hier gelebt", erläutert Frank Trösken-Severin von der Kompetenzagentur des Kreises Gütersloh. Der Asylantrag sei nicht geprüft worden, "weil der Grund des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien nicht mehr besteht". Soziale und rassistische Benachteiligung sei hingegen kein anerkannter Grund. Zudem habe die Familie aus Unkenntnis im Jahr 2008 eine Unterschrift geleistet, mit der sie einer freiwilligen Rückführung zugestimmt hatte. "Die Konsequenzen waren ihnen damals nicht klar", glaubt Henning Rüschenschmidt. Nach vier Jahren kamen Mutter und Söhne zurück. Ohne den Vater, der zu trinken begonnen hatte und gewalttätig gegenüber der Familie geworden war.

Frank Trösken-Severin suchte mit Birhan den Integrationsdienst auf. Auch dort machte man beiden wenig Hoffnung. Zwei Wochen später folgte die Abschiebung über Nacht. "Natürlich muss man ihnen zugestehen, dass sie bei der Rückkehr Probleme haben, das ist aber kein Asylgrund", bestätigt Jan Focken, Pressesprecher beim Kreis Gütersloh auf Nachfrage. Er weiß außerdem: "Minderjährige Kinder bilden eine Schicksalsgemeinschaft mit den Eltern", und das betreffe eben auch das Aufenthaltsrecht. Ein Fall wie der von Birhan sei nicht der erste. "Die Familie hat bereits mehrfach erfahren, dass ein Antrag keinen Erfolg hat."

Jan Focken kann sich indes an einen Fall erinnern, in dem eine Pflegefamilie gefunden worden war, die schriftlich zugesichert hatte, dass dem Staat keine weitergehenden Kosten entstehen werden. Auch für solch eine Ausnahmeregelung sieht Focken keine Chance. "Sie greift frühestens nach sechs Jahre dauerhaftem Aufenthalt." Die wären bei Birhan gegeben, denn er hat die ersten elf Lebensjahre bis zur Rückführung in Deutschland verbracht.

Hubert und Anke Renneke hatten im April 2004 den Kosovo-Albaner Bashkim, dessen Familie im August 2003 ebenfalls abgeschoben worden war, zurück nach Deutschland geholt und ihn später adoptiert. Die LTS-Pädagogen wollen sich jetzt an Hilfsorganisationen wenden.

Information

Spendenaufruf für Birhan

In der Lisa-Tetzner-Schule weisen große Plakate auf die Notsituation von Birhan und seiner Familie hin. Die Schulleitung hat zu Spenden aufgerufen. "Unser Ziel ist die finanzielle Unterstützung", erläutert Ulrike Gärtner.

Für die Unterkunft in einer winzigen Wohnung soll Birhans Familie 250 Euro bezahlen. "Die wollen wir zunächst zusammenbekommen." Unterstützung hat bereits eine albanische Frauengruppe zugesagt. Sie wollen eigene Plakate gestalten, sie in und vor der Moschee aushängen und weiteres Geld sammeln.

Wer ebenfalls spenden möchte, der kann sich unter der Rufnummer (0 52 07) 92 13 66 an die Lisa-Tetzner-Schule wenden und dort die Kontonummer des Fördervereins erfragen. Spender sollten das Stichwort "Birhan" nennen. (kap)

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