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Sachsen und Brandenburg

Cooldown und Glückauf: Winter im Lausitzer Seenland

Per Führung erlebbar: die stillgelegte Förderbrücke F60 im Besucherbergwerk. © Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn
Stefan Weißenborn, Deike Uhtenwoldt

30 Meter hoch, leuchtender korrodierender Stahl und Wahrzeichen im Lausitzer Seenland – so ein «Rostiger Nagel» müsste doch schon von Weitem zu sehen sein. Aber rundherum nur hoch gewachsene Kiefern und Birken, ein verlassener Sonderlandeplatz – und endlich eine Hundebesitzerin, die, nach dem Weg gefragt, Auskunft gibt.

«Immer geradeaus, das ist nicht zu verfehlen», sagt sie und führt ihren Hund auf der Alten Sornoer Straße fort. Der Name erinnert an die Ortschaft Sorno, die hier vor 50 Jahren «überbaggert» wurde. So heißt es im kühlen Vokabular des Tagebergbaus.

Die Angelegenheit aber war drastisch: Die Bewohner wurden umgesiedelt, ihre Häuser abgerissen, die Braunkohle unter der Siedlung zutage gefördert. Aber auch der Bergbau ist hier längst wieder Geschichte. Denn dort, wo gewohnt und dann malocht wurde, sind heute Naturschutzgebiete und Seen. Die Region gilt als Paradebeispiel für den Wandel von einer Industrielandschaft zu einem Natur- und Freizeitparadies.

Von Senftenberg mit dem Rad gekommen, geht es immer am Seeufer entlang. Es ist weitgehend unbebaut, der Weg breit und asphaltiert. Im Sommer sollen sich hier E-Biker, Skater und Badegäste schon mal gefährlich nahekommen, jetzt hat man ihn ganz für sich allein.

Bergbausanierungsgebiet und Freizeitparadies

Still ruhen Seen und Wege im Winter - kein Ausflugsdampfer tuckert daher, Wassersportler sind nicht zu sehen, nur wenige hart gesottene Rennradfahrer. Beim Übergang vom Senftenberger zum Geierswalder See führt der Weg vom Wasser weg, und Warnschilder mit der Aufschrift «Sperrbereich» und «Lebensgefahr» erinnern daran: Das hier ist immer noch auch ein Bergbausanierungsgebiet.

Eines der beliebtesten und auch symbolträchtigsten Ausflugsziele des Lausitzer Seenlandes aber ist der «Rostige Nagel», der schließlich auftaucht: ein rostroter Turm, 30 Meter hoch, gestalterisch angelehnt an die stählernen Geräte des Bergbaus. Als der Turm 2008 eröffnet wurde, war er noch von weitem Land umgeben. Heute schaut man von oben auf Seen und schiffbare Kanäle, die sie verbinden.

Dabei ist das Erholungsgebiet noch im Werden - hier treffen Industriegeschichte und junge Urlaubsregion aufeinander. Wo seit Mitte des 19. Jahrhunderts zwei Milliarden Tonnen Braunkohle aus der Tiefe geholt wurden, entsteht die größte künstlich geschaffene Wasserlandschaft Europas.

Wenn die Flutung in den 2030er-Jahren abgeschlossen sein wird, sollen es 25 Bergbauseen sein, die touristisch genutzt und teils als Speicherbecken oder dem Naturschutz dienen werden. Das Großprojekt erstreckt sich auf über 350 Quadratkilometer in der Lausitz zwischen Berlin und Dresden und damit auf Teile von Brandenburg und Sachsen.

Viele Seen sind schon geflutet oder mitten im Wandel, was Kathrin Winkler vom Tourismusverband Lausitzer Seeland an ein paar Bäumen und Bäumresten erläutert, die den Wasserspiegel des Sedlitzer Sees von unten durchstoßen: «Wenn der See vollständig geflutet ist, werden die Bäume zwei Meter unter dem Wasserspiegel gekappt.»

Herzstück Senftenberger See und ein letzter Tagebau

Zur Urlaubsregion Lausitzer Seenland zählt als größter der Senftenberger See, das touristische Herzstück und ebenfalls ein gefluteter Tagebau. Ab 1967 ließ man Wasser in das große Loch in der Landschaft, in den Siebzigern wurde der See feierlich eröffnet. Mit dem der Senftenberger See begann die große Umwandlung der Region.

Zu ihr zählt im Lausitzer Revier aber auch der letzte aktive Tagebau Welzow-Süd. Hier wird noch Kohle zur Verstromung aus der Erde geholt. Doch irgendwann wird es einen Welzower See geben. Aber noch wirkt Welzow-Süd mit seiner Abraumhalde wie eine Wüste - gerade im Winter. Kathrin Winkler, die vor der Wende Bergbauökonomie studierte, sagt: «Hier in der Region hat jeder irgendwie mit Kohle zu tun gehabt.»

Vom Aussichtspunkt «Süd», südöstlich der Stadt Welzow, zeigt sie auf eine gegenüberliegende riesige Halde aus Sand und Lehm, in der ein stählerner Gigant nahezu filigran wirkt: die F60-Abraumförderbrücke, die größte ihrer Art weltweit, erfunden in der Lausitz. 60 Meter dicke Schichten an Erde kann sie auf einmal abtragen, daher ihr Kürzel. Im Revier kommen solche Abraumförderbrücke noch zum Einsatz.

«Das ist die größte bewegliche Arbeitsmaschine der Welt», sagt Marcus Weise, Geschäftsführer des Besucherbergwerks F60. Es liegt direkt am Bergheider Sees, ebenfalls ein gefluteter Tagebau, und hat sich zur Aufgabe gemacht, einen dieser Kolosse aus Tausenden von Tonnen Stahl, über 500 Meter lang und 200 Meter breit für die Nachwelt zu erhalten.

Der Koloss soll nicht sterben

Einst stand der Museums-Gigant mit seinen Baggern in der Grube, die heute den Bergheider See bildet. Nunmehr bietet man im Winter wie im Sommer Führungen über diesen «liegenden Eiffelturm der Lausitz» an. Die Aussichtsplattform auf 75 Meter Höhe, nach der Hälfte des 1,4 Kilometer langen Rundganges erreicht, bietet eine grandiose Aussicht über die Lausitz, erfordert aber gewisse Schwindelfreiheit. Auch dient die museale F60 als Kulisse für Konzerte oder Firmenevents mit Abseilen.

In Winter, wenn die Stimmung gedämpft, einsam und irgendwie magisch ist, ist das Wandern zwischen Industriedenkmal und Naturidyll besonders stimmungsvoll. Doch irgendwann kriecht einem die Kälte unter die Kleidung.

Zum Glück stellt sich die Region nicht nur auf Sommergäste ein. Das denkt man am Senftenberger See, wo ein Wellnesshotel mit Saunen und Hammam residiert, mit Außenpool und brennendem Kamin. Das ist viel Luxus in einer Region, in der einst hart malocht wurde. Die Bergleute von einst waren schon glücklich, wenn sie es irgendwann warm und trocken hatten.

Links, Tipps, Praktisches:

Das Reiseziel: Das Lausitzer Seenland nennt sich Europas größte künstliche Wasserlandschaft. Es liegt süd- bis südwestlich von Cottbus an der Grenze von Sachsen und Brandenburg. Es gibt ein gut ausgebautes Rad- und Wanderwegenetz, das Seen und Aussichtspunkte verknüpft.

Anreise: Der öffentliche Nahverkehr ist ausbaufähig, mit dem Pkw kommt man über die A 13 (ab Berlin rund zwei Stunden Fahrt, ab Dresden gut eine Stunde).

Vor Ort: Empfohlen werden spezielle Wanderungen im Winter. Infos zu Radrouten und Radverleih finden sich hier. Eine Führung im Besucherbergwerk F60, die über die Aussichtsplattform führt, dauert 90 Minuten und kostet16 Euro pro Person. Ein Saunabesuch für Tagesgäste kostet im «Wellnesshotel Seeschlößchen» am Senftenberger See 50 Euro, Voranmeldung erbeten. Je von November bis März kann im Stadthafen Senftenberg in einer Floßsauna geschwitzt werden.

Unterkunft: Weitere Hotels mit Sauna und/oder Kamin finden sich hier.
Schwimmende Apartments des «Open-Water-Resort Lausitz» beziehen kann man im Wohnhafen Scado bei Geierswalde am Geierswalder See, einst Teil des Tagebaus Koschen. Der Betreiber unterhält auch ein Saunaboot.

Weiterführende Informationen: lausitzerseenland.de; reiseland-brandenburg.de; sachsen-tourismus.de

Unterkunft der anderen Art: schwimmende Ferienhäuser auf dem Geierswalder See. - © Sebastian Kahnert/dpa/dpa-tmn Riesenmaschine: die Abraumförderbrücke F60 im Tagebau Welzow-Süd. - © Doreen Garud/dpa/dpa-tmn Rot-weiß geringelt: «Der Leuchtturm» heißt ein Hotelkomplex am Geierswalder See. - © Sebastian Kahnert/dpa/dpa-tmn Wahrzeichen und Besuchermagnet: der «Rostige Nagel», ein Aussichtsturm am Sedlitzer See. - © Sebastian Kahnert/dpa/dpa-tmn Wander-und Radwege führen durchs Lausitzer Seenland - wie hier am Koschener Kanal, der den Geierswalder See mit dem Senftenberger See verbindet. - © Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn «Größte bewegliche Arbeitsmaschine der Welt»: die Förderbrücke F60 im Braunkohletagebau Welzow-Süd. - © Patrick Pleul/dpa/dpa-tmn Seit 1959 ist der Braunkohletagebau Welzow-Süd in Betrieb. Die gewonnene Braunkohle wird in verschiedenen Kraftwerken zur Stromerzeugung verbrannt. - © Patrick Pleul/dpa/dpa-tmn Wärmekraftwerk Jänschwalde: Hier wird Kohle aus dem Tagebau Welzow-Süd verbrannt. - © Patrick Pleul/dpa/dpa-tmn Wasser, wo einst ein großes Loch war: ein Mitarbeiter des Besucherbergwerkes F60 am Bergheider See. - © Patrick Pleul/dpa/dpa-tmn Künstliches Gewässer, teils von Eis bedeckt: der Großräschener See im Winter. - © Patrick Pleul/dpa/dpa-tmn

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