Lage-Heiden. Emily Dierk schwimmt wie ein Fisch. Sicher gleitet sie durchs Wasser, Rückenschwimmen, Kraulen, kein Problem. Sie hat vor Kurzem ihr Goldenes Schwimmabzeichen gemacht – noch vor ihrem siebenten Geburtstag.
Damit ist Emily eine Ausnahme. „Das habe ich noch nicht gehabt", sagt Schwimmmeisterin Andrea Topp, die das Mädchen seit seinen ersten Schwimmzügen kennt. Die machte Emily im Kinderschwimmkursus im Freibad Heiden Anfang Juni 2015.
Vorkenntnisse habe die junge Wasserratte da noch nicht gehabt, betont die Schwimmmeisterin. „Sie hat von Null angefangen." Und es klappte auch nicht alles sofort – so wie bei anderen Kindern eben auch. Vom Beckenrand springen, tauchen, all das kostete sie Überwindung.
Aber dann kam der Ehrgeiz. „Sie wollte das und hat geübt", erzählt Topp. Bei ihren Großeltern, die direkt nebenan wohnen und einen eigenen Pool im Garten haben. Da schwimmt sie seitdem von Frühsommer bis Herbst jeden Tag. „Sie schmeißt Golfbälle ins Wasser und holt sie wieder raus", gibt Vater Volker Dierk einen Einblick ins „Trainingsprogramm". Auch Rückenschwimmen und Kraulen hat sie sich mit Hilfe der Großeltern selbst beigebracht, weitere Kurse brauchte sie nicht.
Emily machte Seepferdchen, Bronze, Silber. Und dann Gold. Dafür musste sie in ein anderes Schwimmbad, denn ein Dreimeterbrett gibt es in Heiden nicht. So ganz leicht war das Goldene Jugendschwimmabzeichen für die da noch Sechsjährige nicht, erzählt Emily: „Am schwierigsten war, auf Zeit zu schwimmen." Denn für das Abzeichen musste sie unter anderem 600 Meter in höchstens 24 Minuten schaffen, außerdem 50 Meter Brustschwimmen in höchstens 1:10 Minuten und 25 Meter Kraul- und 50 Meter Rückenschwimmen. Dazu Streckentauchen, Tieftauchen, vom Dreimeterbrett springen und sogar eine andere Person schwimmend transportieren.
Längst nicht jedes Kind im Grundschulalter könne überhaupt schwimmen, sagt Andrea Topp. Und selbst wenn Kinder das „Seepferdchen" geschafft haben, seien sie nicht gleich sichere Schwimmer. Weiteren Unterricht bräuchten sie danach nicht unbedingt, aber Gelegenheit, das Gelernte anzuwenden und zu üben. Wer nach dem ersten Abzeichen nicht mehr schwimmen gehe, komme nicht weiter.
Für ihre Eltern war wichtig, dass ihre Emily möglichst früh schwimmen kann. Daher schickten sie sie zum Kursus nach Heiden. „Und dann wollte sie immer weiter und mehr", sagt Mutter Sandra Dierk. Jetzt wollen sie Emily im Schwimmverein anmelden, denn der Ehrgeiz hat sie noch immer gepackt: Ihr nächstes Ziel ist das Totenkopf-Abzeichen. „Da muss man bis zu zwei Stunden schwimmen", sagt Emily und strahlt.
Das müsste aus Sicht der Eltern nicht unbedingt sein, aber Sandra Dierk ist durchaus froh, dass ihre Tochter eine so sichere Schwimmerin ist: „Man muss jetzt nicht mehr so aufpassen." Und ein bisschen stolz sei sie auch auf ihr Kind, räumt sie ein, während Emily schon wieder ins Wasser springt.
Die DLRG gibt in einer Pressemitteilung die Ergebnisse einer Forsa-Umfrage von 2010 wider, die Zahlen seien aber nach Schätzungen weiterhin aktuell. Demnach besitzen am Ende der Grundschulzeit mindestens 50 Prozent der Kinder kein Jugendschwimmabzeichen und 16 Prozent haben keine Seepferdchenprüfung erfolgreich absolviert. 64 Prozent der Eltern schätzten ihr Kind laut der Umfrage als sicheren Schwimmer ein, 26 Prozent würden ihr Kind als unsicheren Schwimmer und zehn Prozent als Nichtschwimmer bezeichnen. Derartige Erhebungen basieren auf Selbsteinschätzungen, belastbare Daten gibt es nicht. Als Ursachen für die fehlenden Schwimmkenntnisse vermutet die DLRG laut Pressebericht Probleme des Sportunterrichts und Bäderschließungen.