Lage. Um die in die Jahre gekommene Sporthalle am Werreanger etwas aufzuhübschen, muss nicht zwingend RTL-Verschönerungsexpertin Tine Wittler aus der Versenkung zurückgeholt werden. Eine „Community“ rund um die erst vor einem halben Jahr gegründete RSG-Abteilung der TG Lage brachte beim Sport-Cup der Rhythmischen Sportgymnastik (RSG) mit zwei imposanten Bannern, einem beleuchteten Eingangsbogen sowie einem Arsenal an kleinen und größeren Goldpokalen das Innere der Halle zum Glänzen. Dass Rhythmische Sportgymnastik bei jungen Mädchen (für Jungen ist die Sportart tabu) total angesagt ist, verdeutlichten zirka 250 Gymnastinnen zwischen 6 und 16 Jahren. Sogar eine größere Abordnung aus Polen von UKS AG Crystal hatte den Weg in die Zuckerstadt gefunden. Teilweise nächtigten die Gäste in der Alten Residenz in Lage oder in der Jugendherberge in Detmold, wusste Andreas Krupke zu berichten. Der stellvertretende Vorsitzende der TG Lage zeigte sich gemeinsam mit Wettkampfsprecher Denzel Köhler beeindruckt, was die beiden aus der Ukraine stammenden Trainerinnen Kseniia Terskykh und Anastasiia Semeniuk binnen kurzer Zeit auf die Beine gestellt haben. Der Zulauf für die olympische Sportart, die in Lippe bislang komplett unter dem Radar läuft, ist enorm. Aktuell trainieren 40 Mädchen an der Eichenallee, teilweise bis zu viermal in der Woche. Leila Urban weiß warum. Sie ist Abteilungsleiterin beim TuS Vahrenwald 08 und hat im Nordwesten von Hannover vor vier Jahren mit RSG angefangen. „Die Nachfrage von Kindern aus Osteuropa ist sehr groß. In Ländern wie Moldawien, Georgien, Aserbaidschan, Russland oder der Ukraine zählt Rhythmische Sportgymnastik zu den beliebtesten Sportarten. So haben wir auch viele Trainer gewinnen können.“Ein weiterer Faktor für den Boom sei der Olympiasieg von Darja Varfolomeev (19), die 2024 in Paris Gold gewann und kürzlich in Rio fünffache Weltmeisterin wurde. Deutschlands Sportlerin des Jahres, die im Alter von zwölf Jahren alleine, ohne ihre Eltern, aus Sibirien ins Schwabenland kam, hat enorme Strahlkraft. „Durch Darja Varfolomeev gibt es jetzt viel mehr Zulauf auch im deutschsprachigen Bereich“, weiß Leila Urban, die mit Adleraugen im Kampfgericht die Aktionen auf der 13x13 Meter großen Wettkampffläche im Blick hat. Den Unterschied zum Turnen macht laut der Expertin die Musik aus. „Rhythmische Sportgymnastik ist eine Mischung aus Ballett, Gymnastik und Akrobatik. Bei den eineinhalb Minuten langen Übungen nach Musik ist die Koordination sehr wichtig“, erklärt Urban, stellvertretend für Kseniia Terskykh, die noch fleißig Deutsch lernt. In Lage wurde mit den Handgeräten Keule, Band, Reifen, Kugel und Seil geturnt. Wobei das Seil auf Weltniveau aus dem Programm genommen wurde. „Das ist zu dünn. Das Seil würde man im Fernsehen nicht sehen“, erklärt Urban. Selbst für Laien unübersehbar ist am Werreanger aber die enorme Beweglichkeit der jungen Sportlerinnen. Beispielsweise bei einer 180 Grad Beinschere. Was beim LZ-Chronisten allein beim Zuschauen Befürchtungen auf einen Bandscheibenvorfall auslöst, heißt im RSG-Vokabular schlicht und einfach Kür. Am Ende erhielt jede Gymnastin einen Pokal, eine Medaille und ein Geschenk – finanziert aus den nicht unerheblichen Startgebühren. Andreas Krupke und Denzel Köhler hoffen, dass sich die Faszination Rhythmische Sportgymnastik in Lippe weiter herumspricht und sich auch andere Vereine solch einem Integrationsprojekt verschreiben.