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Fußball-Bundesliga

FC St. Pauli gegen HSV: Abstiegs-Duell um Stadttitel

Schätzen sich: FC St. Paulis Cheftrainer Alexander Blessin (l) und sein HSV-Kollege Merlin Polzin. (Archivbild) © Christian Charisius/dpa

Um die Frage nach der Nummer eins in Hamburg zu beantworten, reicht ein Blick auf die Tabelle der Fußball-Bundesliga. Doch für die Fans des FC St. Pauli und des HSV ist entscheidend, was beim direkten Duell am Freitag (20.30 Uhr/Sky) auf dem Platz geschieht.

Bei so viel Emotionalität scheint die sportliche Bedeutung der 113. Auflage des Stadtderbys fast in den Hintergrund zu rücken. Immerhin kann der Ausgang des Spiels richtungsweisend für den Kampf um den Klassenverbleib sein.

HSV-Kapitän Capaldo: «Ein Finale mitten in der Saison»

Der FC St. Pauli geht erstmals seit dem Aufstieg vor anderthalb Jahren als Tabellenletzter in einen Spieltag. Der HSV ist 14. mit fünf Punkten mehr als der nur sieben Kilometer entfernte Rivale. Doch das 0:2 des FC St. Pauli in der Hinrunde Ende August in ihrer Heimat Volksparkstadion wurmt Spieler, Trainer und Anhänger des HSV.

St. Paulis Spielern feiern nach dem Sieg in der Hinrunde. (Archivbild) - © Christian Charisius/dpa
St. Paulis Spielern feiern nach dem Sieg in der Hinrunde. (Archivbild) (© Christian Charisius/dpa)

«Stadtduelle an sich sind schon etwas Besonderes. Die finden auch in Deutschland nicht ganz so häufig statt. Und in dieser Saison nur bei uns in Hamburg, was schon per se etwas Spezielles ist», sagte HSV-Cheftrainer Merlin Polzin.

Nicolas Capaldo - derzeit Vertreter des verletzten HSV-Kapitäns Yussuf Poulsen - nannte im «Hamburger Abendblatt» ein Derby «als ein Finale mitten in der Saison». Es seien die Spiele, «an die man sich erinnert».

Großes Interesse nicht nur in Hamburg

Nach Verletzung schneller zurück als befürchtet: St. Paulis Jackson Irvine. (Archivbild) - © Christian Charisius/dpa
Nach Verletzung schneller zurück als befürchtet: St. Paulis Jackson Irvine. (Archivbild) (© Christian Charisius/dpa)

Und das Spiel um die inoffizielle Stadtmeisterschaft elektrisiert nicht nur Hamburg. Das Interesse geht weit über die Stadtgrenzen hinaus. Den Sieg des FC St. Pauli beim gerade erst in die Erstklassigkeit zurückgekehrten HSV sahen am 29. August 1,3 Millionen Fans bei Sky.

Nach Angaben des Pay-TV-Senders war es das Freitag-Spiel, mit der zweitgrößten Reichweite. Nur bei der Partie des FC Bayern gegen Werder Bremen (1,4 Millionen) hatten mehr Anhänger an einem Freitag eingeschaltet.

Bei aller Brisanz, aller emotionalen Aufladung und der symbolischen Bedeutung im Spiel um die inoffizielle Stadtmeisterschaft - das erste Stadtduell in der Bundesliga am Millerntor seit 15 Jahren ist für beide Mannschaften richtungsweisend. Als «Duell am Abgrund» beschrieb die «Sport Bild» das Spiel.

Das gilt besonders für den FC St. Pauli als Tabellenletzter. Auch der HSV ist mitten im sportlichen Überlebenskampf. Bei einer Niederlage wäre der Kiezclub wieder auf zwei Zähler ran. Bei einem Sieg beträgt der Vorsprung schon acht Punkte.

Entwicklung in den vergangenen fünf Monaten überrascht

Die Konstellation war nach dem Hinrunden-Spiel nicht zwingend zu erwarten. Selbst für Fachleute kam die Entwicklung überraschend. «Wenn mir einer nach dem zweiten Spieltag gesagt hätte, dass wir jetzt hier sitzen und der HSV fünf Punkte vor St. Pauli liegt, hätte ich wahrscheinlich gesagt, das kann ich mir schwer vorstellen», sagte Sky-Experte Dietmar Hamann in einer Sky-Sport-Presserunde in Hamburg. «Es war ein Klassenunterschied.»

In den 21 Wochen hat sich viel getan. Die Mannschaft des Hamburger SV damals war eine komplett andere als die Mannschaft heute. Die erst danach verpflichteten Spieler wie Abwehr-Ausnahmetalent Luka Vuskovic (18) oder den Mittelfeld-Strategen Fabio Vieira (25) und Albert Sambi Lokonga (26) hoben das Niveau deutlich an.

HSV eine andere Mannschaft als im Hinspiel

«Wir haben uns als Mannschaft deutlich weiterentwickelt», sagte Polzin. «Im Hinspiel hatten wir nach der Zeit des Umbruchs mit vielen Zu- und Abgängen im Sommer noch nicht die Mannschaft auf dem Platz, die dieses Mal auflaufen wird. Dieses Mal ist es eine andere HSV-Mannschaft.» Wie gut sein Team mittlerweile spielerisch ist, bewies es trotz des 0:0 gegen Borussia Mönchengladbach.

Der FC St. Pauli erlebte indes kurz nach dem Sieg im Volksparkstadion einen Absturz. Nach drei Spieltagen fand sich das Team von Cheftrainer Alexander Blessin auf Platz vier in der Tabelle wieder. Doch anschließend gingen die in der Vorsaison gerühmte Stabilität in der Abwehr und neun Spiele nacheinander verloren.

Blessin: Derby zur rechten Zeit

Kurz vor Weihnachten fing sich die Mannschaft, musste dann aber nach der Feiertagspause beim 1:2 beim VfL Wolfsburg und beim ebenso unglücklichen 2:3 am Samstag bei Borussia Dortmund wieder Rückschläge hinnehmen. In den Spielen wurde aber auch deutlich, dass die Leistungskurve der Kiez-Mannschaft wieder nach oben geht.

Nach der Last-Minute-Niederlage in Dortmund kommt für Blessin das Derby gerade recht. «Bei einem anderen Gegner würde man vielleicht noch ein, zwei Tage länger mit einer negativen Haltung rumlaufen», sagte der Trainer. Jetzt habe man nicht die Zeit, «weil wir alle wissen, wie wichtig das Spiel ist für unsere Fans, für uns als Mannschaft. Und deswegen ging der Kopf gleich wieder hoch und der Fokus gleich auf dieses Spiel.»

Gut für Blessin, dass er voraussichtlich wieder auf seinen wichtigsten Mann zurückgreifen kann. Kapitän und Mittelfeldspieler Jackson Irvine meldete sich nach Problemen mit seinem operierten linken Fuß schneller als erwartet zurück und könnte nach erfolgreichen Tests zumindest im Kader stehen.

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