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Weltcup-Höhepunkt in Kitzbühel

Deutsche Durststrecke vor Streif-Show: «Ist gnadenlos»

Der einzige deutsche Speed-Fahrer bei Olympia: Simon Jocher. (Archivbild) © Robert F. Bukaty/AP/dpa

Das waren noch Zeiten für die deutschen Abfahrer: Thomas Dreßen triumphiert 2018 auf der legendären Streif, Josef Ferstl legt ein Jahr später in Kitzbühel im Super-G nach. Das damalige Speed-Team des DSV kämpft in jedem Rennen um die Podestplätze, gar von einer goldenen Generation ist die Rede.

Acht Jahre nach Dreßens historischem Coup steht nun wieder in Tirol das wichtigste Weltcup-Wochenende an. Zu den Favoriten zählen die Deutschen aber längst nicht mehr. Was ist da nur geschehen?

«Einen Platz unter den Top 15 möchte ich auf alle Fälle sehen», sagt Chefcoach Christian Schwaiger vor dem Super-G am Freitag und der Abfahrt am Samstag (jeweils 11.30 Uhr/ARD und Eurosport). «Und wenn ein Platz in den Top Ten herausspringt, dann bin ich happy. Das muss unser Ziel sein.» Es sind bescheidene Worte - die aber freilich nicht verwundern: In den vergangenen 38 Speed-Events sprangen nur zwei Top-Ten-Resultate heraus für die Athleten des Deutschen Skiverbandes (DSV). Die Podiumsränge blieben in weiter Ferne.

Lücke nach Dreßen und Ferstl nicht gefüllt

Ein Bild aus besseren deutschen Abfahrtszeiten: Thomas Dreßen feiert seinen Streif-Sieg 2018. (Archivbild) - © Expa/Johann Groder/APA/dpa
Ein Bild aus besseren deutschen Abfahrtszeiten: Thomas Dreßen feiert seinen Streif-Sieg 2018. (Archivbild) (© Expa/Johann Groder/APA/dpa)

Als mildernde Umstände können die DSV-Männer anführen, seit Jahren mit erheblichem Verletzungs- und Ausfallpech zu kämpfen. Dreßen musste 2024 wegen anhaltender körperlicher Beschweren aufhören, auch Ferstl erklärte damals seinen Rücktritt. Andreas Sander - immerhin ein einstiger Abfahrts-Vizeweltmeister und bei Dreßens Streif-Sieg knapp am Podest vorbeigefahren - fehlt schon den zweiten Winter wegen einer schweren Zellerkrankung.

Thomas Dreßen war einer der besten Abfahrer der Welt - bis Verletzungen ihn ausbremsten. (Archivbild) - © Giovanni Auletta/AP/dpa
Thomas Dreßen war einer der besten Abfahrer der Welt - bis Verletzungen ihn ausbremsten. (Archivbild) (© Giovanni Auletta/AP/dpa)

So werden sich diesmal nur drei deutsche Männer die Hahnenkammabfahrt mit den berüchtigten Streckenteilen wie Mausefalle, Steilhang oder Hausbergkante hinunterstürzen. Zum Vergleich: Österreicher, Schweizer und Franzosen haben jeweils fast ein Dutzend Sportler gemeldet für den großen Showdown in Tirol.

Ultraschall in Reisetasche

Routinier Romed Baumann erlebt bislang einen Winter zum Vergessen. (Archivbild) - © Gabriele Facciotti/AP/dpa
Routinier Romed Baumann erlebt bislang einen Winter zum Vergessen. (Archivbild) (© Gabriele Facciotti/AP/dpa)

Die DSV-Hoffnungen ruhen auf Simon Jocher und Romed Baumann. Jocher wurde zwar in der jüngeren Vergangenheit ebenfalls von etlichen Verletzungen zurückgeworfen, etwa an den Bandscheiben und am Fuß. «Ich habe mittlerweile nicht mehr nur noch Klamotten in meiner Reisetasche, sondern auch einen Ultraschall für meine Ferse und andere Utensilien, um meinen Rücken zu pflegen», erzählte der 29 Jahre alte Garmischer jüngst. Mit einem fünften Platz im Super-G von Livigno kurz vor Silvester aber ließ er aufhorchen.

Männer-Chefcoach Christian Schwaiger schickt nur drei Abfahrer in Kitzbühel an den Start. (Archivbild) - © Jens Büttner/dpa
Männer-Chefcoach Christian Schwaiger schickt nur drei Abfahrer in Kitzbühel an den Start. (Archivbild) (© Jens Büttner/dpa)

Der schon 40 Jahre alte Baumann muss derweil in Kitzbühel von seiner ganzen Erfahrung zehren: Schon 32 Mal raste der gebürtige Tiroler die Hahnenkamm-Piste im Weltcup hinunter. Seine bisherige Saison war aber zum Vergessen: Die Olympia-Norm verpasste der Routinier im Spätherbst der Karriere deutlich.

«Der Männer-Rennsport ist gnadenlos», sagt Trainer Schwaiger der Deutschen Presse-Agentur über das aktuelle Niveau im Weltcup. «Du musst immer "All in" gehen.» Und das tun seine Schützlinge derzeit einfach viel zu selten.

Keine Schuhe für «Big Foot» Vogt

Wobei auch hier Pech dazukommt: Luis Vogt, der dritte deutsche Kitzbühel-Starter in diesem Winter, muss nicht nur gegen Rivalen und Pisten kämpfen, sondern auch gegen das Equipment. Er hat Schuhgröße 50, Rennstiefel aber gibt es nur bis Größe 48. Für Sonderanfertigungen ist Vogt noch nicht schnell und prominent genug, und so muss sich der 23-Jährige weiter quälen.

Die deutschen Speed-Aussichten sind mittelfristig übrigens nicht ganz so düster. Benno Brandis (19) und Felix Rösle (21) wurden in der vorigen Saison Junioren-Weltmeister in Super-G und Abfahrt, sie sollen die Zukunft des derzeit schwächelnden Speed-Aufgebots sein. Beide werden aber langsam aufgebaut und fit für den Weltcup gemacht, wie Chefcoach Schwaiger unterstreicht.

Ein Start in Kitzbühel kam für das Duo deshalb nicht infrage - die berüchtigte Streif ist nämlich das Gegenteil von behutsam, vorsichtig und risikofrei.

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