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Skispringen

Heimspiel ohne Höhenangst: Besondere WM für Flieger Raimund

Raimund ist der deutsche Hoffnungsträger. (Archivbild) © Fredrik Sandberg/TT News Agency/AP/dpa
Patrick Reichardt, Thomas Eßer

Die ungewöhnliche Episode in seiner Karriere nimmt Philipp Raimund mit einer gesunden Portion Humor. «Ich hätte damit rechnen können, dass ein Skispringer mit Höhenangst Schlagzeilen macht», sagt der 25 Jahre alte Top-Athlet etwa zehn Monate später.

Im März 2025 hatte Raimund aus genau diesem Grund auf einen Start beim traditionellen Fliegen im slowenischen Planica verzichtet - in der Zwischenzeit haben sich die Vorzeichen geändert.

«Ich habe meine Schwäche eingestanden, habe aber auch gesagt: Okay, ich weiß, dass ich daran etwas ändern muss. Ich habe die Wurzel von dem Ganzen gefunden. Und probiert, so gut es geht gegenzusteuern. Aktuell ist es kein Problem», sagte Raimund in einem Interview der ARD-Sportschau.

Will bei Olympia hoch hinaus: Philipp Raimund. (Archivbild) - © Peter Kneffel/dpa
Will bei Olympia hoch hinaus: Philipp Raimund. (Archivbild) (© Peter Kneffel/dpa)

Bei der Skiflug-WM in seiner Wahlheimat Oberstdorf, die am Freitag (16.00 Uhr/ARD und Eurosport) mit dem Einzel beginnt, ist er deshalb einer der deutschen Hoffnungsträger.

Horngacher: Da braucht es Mut

Überwindung Skifliegen? Der Nervenkitzel bei Weiten von bis zu 250 Metern und insgesamt acht Sekunden in der Luft ist auch für die flugerfahrenen Springer ein seltenes Gefühl, das sie im Training nicht simulieren können. «Das Skifliegen ist noch einmal was anders als das Skispringen - da braucht es Mut, da braucht es Herz, da braucht es ein gutes Gefühl zum Fliegen», sagte Bundestrainer Stefan Horngacher.

Raimund verließ die Tournee kränklich. - © Daniel Karmann/dpa
Raimund verließ die Tournee kränklich. (© Daniel Karmann/dpa)

Genau jenes Gefühl fehlte Raimund im Vorjahr, als er in Planica verzichtete - und öffentlichkeitswirksam über die sozialen Medien auf seine Besonderheit aufmerksam machte.

Raimund gesteht öffentlich Schwäche ein

«Normalerweise habe ich die Höhenangst unter Kontrolle, und beim Skispringen ist das normalerweise kein Problem. Aber ab und zu reagiert mein Körper unkontrolliert. Ich verliere die Kontrolle und sehe mich dann etwa anderthalb Sekunden lang nur noch in der Fangvorrichtung», teilte Raimund all seinen Followern mit. Er wolle nur fliegen, wenn er sich damit glücklich fühle.

Das ist nun der Fall. Angesichts formschwacher Routiniers wie Andreas Wellinger und Karl Geiger ist Raimund neben Felix Hoffmann Deutschlands größter Hoffnungsträger bei der Flug-WM. Der 25-Jährige soll bei den Wettbewerben von Freitag bis Sonntag maßgeblich dazu beitragen, dass der Deutsche Skiverband (DSV) im Heimspiel nicht medaillenlos bleibt - zuletzt ist das vor 16 Jahren in Planica passiert.

Krankheit bei der Tournee

«Auf die Skiflug-WM, da habe ich richtig, richtig Bock drauf, ich freue mich extrem. Hier in Oberstdorf habe ich meinen bislang weitesten Sprung gemacht», sagte Raimund, der sich in diesem Sommer enorm entwickelt hat. Sportlich teilt er sich nach einigen Regelanpassungen mit Hoffmann die Führungsrolle.

Bei Fans und Interviews ist er neben Olympiasieger Wellinger inzwischen zum Liebling der Massen geworden. Als großer Hoffnungsträger war Raimund vor drei Wochen auch in die Vierschanzentournee gestartet. Die Resultate waren zwar ordentlich, doch ums Podium konnte der Deutsche nicht mitspringen. Zum Ende der Tournee in Bischofshofen wurde er zudem krank.

«Hilfe in allen Richtungen geholt»

Seine unbedarfte und teilweise fast freche Art tat Raimund zu Beginn seiner Karriere aber nicht nur gut. «Ich bin sehr locker. Es kommt einem manchmal vielleicht auch so vor, als wäre mir relativ viel egal - was vielleicht auch so ist», sagte Raimund selbst. Das sei per se zwar nicht schlecht, könne aber auch zum Verdacht führen: «Vielleicht nimmt er es nicht so ernst, wie man eigentlich sollte.»

Chefcoach Horngacher sieht bei seinem Top-Athleten einen Lernprozess. «Er ist ein cleverer Sportler. Er hat sich Hilfe geholt in allen Richtungen», sagte der scheidende Bundestrainer über seinen Athleten, mit dem er über die Jahre ein immer besseres Verhältnis aufgebaut hat.

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