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Gladbeck
Heute vor 30 Jahren begann das Geiseldrama in Gladbeck
| von Lena Vanessa Niewald, Dennis Bleck, Helga Toben und Tessa Rinkes

Die bewaffneten Geiselnehmer Dieter Degowski (links) und Hans-Jürgen Rösner stehen am 17. August 1988 in dem in Bremen gekaperten Linienbus. Die Geiselnehmer hatten am 16. August1988 in Gladbeck-Rentfort eine Bank überfallen und zwei Geiseln genommen. - © Hartmut Reeh/dpa
Die bewaffneten Geiselnehmer Dieter Degowski (links) und Hans-Jürgen Rösner stehen am 17. August 1988 in dem in Bremen gekaperten Linienbus. Die Geiselnehmer hatten am 16. August1988 in Gladbeck-Rentfort eine Bank überfallen und zwei Geiseln genommen. (© Hartmut Reeh/dpa)

Gladbeck/Bielefeld. Es war einer der spektakulärsten Kriminalfälle in Deutschland: Die Geschichte des Gladbecker Geiseldramas handelt von brutalen Verbrechern, Polizeipannen und Journalisten, die auf der Jagd nach Neuigkeiten sämtliche Grenzen überschreiten. Zwei Gangster, die mit wechselnden Geiseln in Fluchtfahrzeugen 54 Stunden durch das Land rasen und dabei Interviews geben – das hatte es noch nicht gegeben. Drei Menschen kamen bei dem Drama ums Leben: Emanuele De Georgi (15), Silke Bischof (18) und ein Polizist.

So berichtete die LZ am 20. August 1988 nach dem Geiseldrama. - © Aus der LZ
So berichtete die LZ am 20. August 1988 nach dem Geiseldrama. (© Aus der LZ)


Einer der Täter, Dieter Degowski, ist kürzlich aus der Haft entlassen worden. Der andere, Hans-Jürgen Rösner, sitzt noch im Gefängnis. Rösner hat versucht, den Film „Gladbeck" juristisch zu verhindern. Der TV-Zweiteiler war Anfang des Jahres in der ARD zu sehen. Regisseur Kilian Riedhofs Absicht war: Die Begegnung mit dem Animalischen und ihre Auswirkungen darzustellen. „Filme dürfen nicht im Kopf stecken bleiben, sie müssen uns bewegen. Das Trauma von Gladbeck braucht unsere kollektive Empathie, um verarbeitet zu werden", sagt Riedhof. Zwei, die das Drama besonders verarbeiten müssen, sind Bielefelder Polizisten, die damals dabei waren.

Friedhelm Burchard, später Pressesprecher bei der Polizei, war Gruppenführer des Bielefelder Spezialeinsatzkommandos, das zur Observation gerufen wurde. „Unser Auftrag war anfangs klar: Wir sollten die Bankfiliale absperren und beobachten. Damals hieß es noch, dass wir uns auf einen möglichen Zugriff vorbereiten sollen", so Burchard.

So berichtete die LZ am 20. August 1988 nach dem Geiseldrama. - © Aus der LZ
So berichtete die LZ am 20. August 1988 nach dem Geiseldrama. (© Aus der LZ)


Zum Zugriff kam es nicht. Stattdessen gab es immer wieder Verhandlungen zwischen Degowski, Rösner und der Polizei. Die Geiselnehmer forderten einen Fluchtwagen und 300.000 Mark. Burchard fuhr damals den Audi 100 vor die Filiale. Ein Moment der Gefahr. „Irgendeiner musste es machen. Es wurde geguckt, wer verheiratet ist und Kinder hat. Da war klar, dass die raus sind."

Burchard war ledig. Das Los traf ihn. Er habe gewusst, wie viel auf dem Spiel stand, sagt der 64-Jährige. „Die Gefahr, dass die beiden Männer mich auch als Geisel nehmen, war riesig." Es ging alles gut, Burchard schaffte es, aus dem Wagen zu springen. Heute ist sein damaliger Einsatz nur noch selten Thema. Hochgekocht seien die Ereignisse, als Degowski entlassen wurde – eine Entscheidung, die Burchard nicht nachvollziehen kann. „Dieser Mensch ist für mich ein Mörder. Den kann man nicht laufenlassen."

"Chaotische und fehlerhafte Führung der Polizei"

Martin Schultz, später ebenfalls Pressesprecher der Bielefelder Polizei, war 1988 auch in Gladbeck. Er war Teil des Mobilen Einsatzkommandos, das die Gangster verfolgte. Ihm sei seine Machtlosigkeit noch sehr präsent, sagt er. Mehrere Möglichkeiten für Zugriffe habe es gegeben – unter anderem am Rasthof Rhynern an der A 2 bei Hamm. „Wir haben kein Kommando dafür bekommen und mussten zusehen, wie uns die Gangster immer wieder entkamen", kritisiert Schultz die „chaotische und fehlerhafte" Führung der Polizei. Nach Gladbeck wurde die Einsatztaktik überarbeitet.

Der Wagen mit den Geiselnehmern wird am 18. August1988 in Köln von Journalisten umringt. - © Hartmut Reeh/dpa
Der Wagen mit den Geiselnehmern wird am 18. August1988 in Köln von Journalisten umringt. (© Hartmut Reeh/dpa)


Auch für die Medien hatte das teils skrupellose Verhalten einiger Reporter damals Konsequenzen: Der Presserat legte fest, dass es Interviews mit Tätern während des Geschehens nicht geben darf. Bremens Innensenator, Bernd Meyer, trat zurück. Er übernahm Verantwortung für die Fehler, die in der Hansestadt begangen wurden. Dort hatten die Verbrecher einen voll besetzten Linienbus gekapert.

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NRW-Innenminister Herbert Schnoor verteidigte seinerzeit das Vorgehen der Landespolizei. Von Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) gestützt, musste sich Schnoor im Landtag vor einem Untersuchungsausschuss verantworten. Ihm wurde vorgeworfen, dass er die Gefährlichkeit der Geiselnehmer unterschätzt habe. Er entgegnete damals, dass es keine falschen Entscheidungen gegeben habe, sondern „nur einen Mangel an richtigen" und blieb im Amt.

Der frühere Vorsitzende der SPD-Fraktion, Friedhelm Farthmann, kritisierte 2013 Behörden und Politik. In einem Interview sprach er von einem „schlimmen Staatsversagen". Die SPD sei mit ihrer liberalen Innenpolitik vor die Wand gefahren. Es war das erste Mal, dass sich ein führender SPD-Politiker aus jenen Tagen so deutlich äußerte.

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