Gangster üben auf viele Film- und Serienjunkies eine ungeheure Faszination aus. Trotz ihrer zahlreichen Schutzgelderpressungen, Drogengeschäfte oder Morde. Oder vielleicht sogar genau wegen dieser verachtenswerten Taten. Denn das Abtauchen und Hineindenken in im echten Leben unvorstellbare Situationen ist ja immerhin ein Hauptgrund für den anhaltenden Erfolg filmischer Fiktion.
Wie es wohl wäre, ein luxuriöses Gangsterleben zu führen? Ohne moralische Grenzen gegenüber der Welt außerhalb der eigenen Gang oder Familie. Antworten darauf in Form von Filmen und Serien gibt es viele. Spätestens seit 1972, dem Erscheinungsjahr von Francis Ford Coppolas "Der Pate", ist dieses Genre gesellschaftsfähig geworden.
Unzählige Adaptionen haben das Thema seitdem aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet. Darunter die Erfolgsserien "Breaking Bad", "Boardwalk Empire", "Peaky Blinders" oder "Die Sopranos". Streaming-Anbieter mischen mit Eigenproduktionen oder exklusiv produzierten Serien längst auf dem lukrativen Markt mit.
Hamburger Zuhälter oder italienische Mafia?
Amazon Prime Video und Paramount+ sind im Frühjahr mit zwei unterschiedlichen Ansätzen an den Start gegangen. Während bei Amazon im Sechsteiler "Luden - Könige der Reeperbahn" eine von wahren Begebenheiten inspirierte Geschichte aus dem Hamburger Zuhältermilieu Anfang der 80er nacherzählt wird, setzt Paramount+ in den ersten neun Folgen von "Tulsa King" auf die klassische italienische Mafia in den USA der Gegenwart.
Beide Serien sind absolut empfehlenswert und lassen sich gebannt an einem Wochenende durchschauen. Die größere Faszination übt dennoch "Tulsa King" aus. Nicht in puncto Kulisse, Story, Musik oder der richtigen Mischung aus Drama, Humor und Action. Da tun sich beide Serien wenig. Doch in Sachen Glaubwürdigkeit des Hauptdarstellers hat Paramount+ eindeutig die Nase vorn.
Denn beim 24-jährigen Aaron Hilmer, der in "Luden - Könige der Reeperbahn" den kürzlich verstorbenen legendären Hamburger Zuhälter Klaus Barkowsky, genannt "Lamborghini-Klaus" mimt, kommen im Lauf der Serie doch des Öfteren Zweifel auf, wie er es mit seiner Nutella-Bande eigentlich mit den etablierten Kräften auf St. Pauli aufnehmen will.
76-jähriger Stallone glänzt schauspielerisch
Diese Fragen stellen sich in "Tulsa King" nicht. Der von Sylvester Stallone verkörperten Ex-Mafia-Größe Dwight Manfredi nimmt man es einfach ab, dass er es bei null startend mit einer Motorradbande in der amerikanischen Provinz aufnehmen kann. Trotz der mittlerweile 76 Jahre von Stallone und trotz der skurrilen Mischung seiner zumeist wenig gangsterhaften Mitstreiter.
Dies liegt natürlich auch am Raubein-Image des Rambo- und Rocky-Darstellers, aber vor allem an der schauspielerischen Leistung von Stallone. Mit einer gehörigen Portion Selbstironie und mit in den entscheidenden Momenten brachialer Wucht verleiht er seinem Charakter die nötige Glaubwürdigkeit, die "Tulsa-King" in der deutschen Synchron-Fassung, aber erst recht in der Originalversion, zu einer echten Perle des Genres macht.