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Sieh an!

"Barbies" Erfolg fiel nicht vom Himmel – die Vorgeschichte

In der Kolumne "Sieh an!" blicken wechselnde Autoren auf die Streaming-Welt – und liefern Anregungen für den nächsten Abend ohne Plan, was man einschalten soll.

Wer überwiegend guckt, was gerade Furore macht, kommt an „Barbie“ und einem Kinobesuch nicht vorbei. Es lohnt sich aber auch, „Barbie“ oder besser: seine Regisseurin und Drehbuch-Co-Autorin Greta Gerwig als Kompass für Expeditionen durch die Streaming-Welt zu nutzen. Der gigantische Erfolg der feministischen Puppen-Satire fiel nicht vom Himmel.

Gerwig (40) begann als Schauspielerin in Low-Budget-Filmen des Mumblecore-Genres (so genannt wegen der oft genuschelten Dialoge). Darin stolpert sie als junge Frau der Generation Y recht orientierungslos durch Lieben und Leben – eine Rolle, die sie fortan in immer neuen Variationen und sehr vergnüglich ausfüllen wird. (Die genannten Filme von und mit Greta Gerwig können, wenn nicht anders aufgeführt, bei Amazon Prime geliehen werden.)

Attraktive Abzweigung

In Noah Baumbachs Tragikomödie „Greenberg“ (2010) hadert sie an der Seite von Hollywood-Star Ben Stiller mit dem Erwachsenwerden. Das Drehbuch ihres nächsten Films „Frances Ha“ (2012, Mubi/Amazon Prime) schreibt sie – wie später auch bei „Barbie“ – gemeinsam mit Regisseur Baumbach und spielt die Titelrolle: eine liebenswert ungeschickte, prekär lebende College-Absolventin, die gegen alle Wahrscheinlichkeit am Tänzerinnen-Traum festhält. In „Mistress America“ (2015) taumelt Gerwig erneut als haltloser Millennial durch New York – eine weitere Kooperation mit Baumbach, mit dem sie mittlerweile liiert ist. (Noah Baumbachs Filme ohne Gerwig-Beteiligung bieten übrigens eine attraktive Abzweigung auf dieser Streaming-Expedition.)

Im selben Jahr kommt Rebecca Millers wunderbare Komödie „Maggies Plan“ heraus, in der Gerwig als Maggie neben Größen wie Julianne Moore und Ethan Hawke ironischerweise ganz strategisch eine Solo-Mutterschaft angeht – und ein Beziehungschaos anrichtet. Unvergessen Gerwigs freudig-erstauntes Gesicht in Großaufnahme, als ihr das Leben in der Schlussszene eine völlig ungeplante Lösung präsentiert. Mit „Lady Bird“ (2017) gibt Gerwig ihr grandioses, gleich fünffach Oscar-nominiertes Regie-Debüt nach eigenem Drehbuch. Der Film mit der umwerfenden Entdeckung Saoirse Ronan in der Titelrolle handelt erneut vom schwierigen Erwachsenwerden, diesmal explizit autobiografisch. Gedreht wurde in Sacramento, wo Gerwig aufwuchs.

Mitreißend heutig

„Little Women“ (2019) bewies, dass Gerwig (Regie und Drehbuch) auch unter dem enormen Druck einer Großproduktion Leichtigkeit und Frische bewahrt. Ihre mitreißende Version der historischen Coming-of-Age-Geschichte, wieder mit Saoirse Ronan, wirkt trotz der zeittypischen Kostüme (für die gab es einen Oscar) unangestrengt heutig. Eigentlich sollte Sarah Polley das „Little Women“-Remake schreiben, doch sie musste krankheitsbedingt passen. Auch Polleys Filme („An ihrer Seite“, „Stories We Tell“, „Die Aussprache“) lohnen einen Streaming-Umweg. Aber das ist vielleicht doch eine Geschichte für sich.

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