Christine Lagarde hat keinen einfachen Job. Als Präsidentin der zweitwichtigsten Notenbank der Welt machen sich ihre Entscheidungen auch noch im hintersten Winkel der Ökonomie bemerkbar – die seismischen Wellen sind zudem in der Politik deutlich spürbar. Lagarde kann sich eigentlich keine größeren Schnitzer erlauben. Doch sie hat einen schweren Fehler mit heftigem Nachhall gemacht.
Sie hat vor knapp zwei Jahren zu spät erkannt, welche Folgen die Aggressionspolitik Russlands und die Vorbereitungen des Überfalls auf die Ukraine zeitigen. Damals schoss die Inflation wegen massiv steigender Energiepreise in die Höhe, doch die EZB reagierte zunächst nicht, respektive zu spät.
Damit hat Lagarde an den Finanzmärkten Vertrauen verspielt – das wichtigste Gut einer Notenbank. Um die Scharte auszuwetzen, schaltete sie im Sommer 2022 auf einen knallharten geldpolitischen Kurs um. Sie zog die Zinsschraube in zehn Schritten so heftig an, dass es quietschte. Es bestand die Gefahr, dass sie dem ersten Fehler einen weiteren hinterherschiebt. Aber zum Glück hat sie nun die Zinspause verkündet. Das ist gut für das angeschlagene Renommee der EZB – Timing ist in der Geldpolitik alles – und für die europäische Wirtschaft. Bei einer weiteren Zinserhöhung hätte die Gefahr einer nur noch schwer kontrollierbaren Abwärtsspirale bestanden.
Zinspause beruhigt die Lage
Hauptfaktor dafür ist der neue Nahostkrieg und seine ökonomischen Nebenwirkungen. Vor allem: Verbraucher halten aus Verunsicherung ihr Geld zusammen, Unternehmen sind extrem vorsichtig bei neuen Krediten. Damit wird quasi eine Eskalation nebst neuer Ölkrise vorweggenommen.
Die Zinspause sorgt nun für eine Beruhigung der Lage. Verbraucher werden es Lagarde und den übrigen EZB-Ratsmitgliedern danken, zumal derzeit alles für einen schnellen Rückgang der Inflation spricht.
Doch auch in den nächsten Monaten wird Lagardes Job nicht einfacher. Die entscheidende Frage wird sein, wie lange das Zinsniveau auf dem aktuell hohen Niveau verharrt. Viele Experten erwarten, dass sich die EZB erst Ende nächsten Jahres zu einer ersten Zinssenkung durchringen wird. Doch die geopolitische Lage kann es nötig machen, dass sie viel schneller reagieren muss. Hoffentlich kriegt Lagarde das rechtzeitig mit.