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Konflikt in Nahost

Bielefelds Partnerstadt Nahariya in Gefahr: "Ich würde nie gehen"

Nahariya liegt nur wenige Kilometer von Israels Grenze zum Libanon entfernt – dem Machtbereich der Hisbollah-Miliz. Hier könnte sich eine weitere Front auftun, wenn die Islamisten verstärkt angreifen. Schon jetzt überschattet die Krise den Alltag.

Bielefeld/Nahariya. Wie es den Menschen in seiner Stadt nach dem Überfall der Hamas geht? Ely Oknin überlegt nicht lang. "Vor dem 7. Oktober", sagt er, "haben sich die Leute gefragt, in welches Café sie heute mal gehen sollen. Nach dem 7. Oktober überlegen sie, ob sich in der Nähe des Cafés ein Schutzraum befindet." Einer, der in 15 Sekunden zu erreichen sei. Denn so viel Zeit bleibt, wenn der Alarm schrillt und Raketen fliegen.

Oknin ist Touristenführer in Nahariya. Eigentlich. Nun arbeitet er freiwillig in einer Art Lagezentrum, hilft Informationsströme zu lenken und Bürger bei Bedarf in Sicherheit zu bringen. Er wurde in Nahariya geboren, Bielefelds israelischer Partnerstadt. Rund 75.000 Einwohner, zehn Kilometer von der Grenze zum Libanon im Norden Israels entfernt. Damit ist Nahariya Frontstadt.

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Partnerschaft mit Zababdeh

Bielefeld unterhält enge Beziehungen zu einer weiteren Stadt in der Region: Zababdeh im Westjordanland. Sie liegt Luftlinie nur 80 Kilometer von Nahariya entfernt. Seit 2017 besteht eine Projektpartnerschaft zwischen der 5.000-Einwohner-Stadt und Bielefeld. Es gibt eine Zusammenarbeit in verschiedenen Themenbereichen, etwa beim Aufbau einer Kanalisation. Unterstützt wird auch die katholische Schule vor Ort. Denn was viele nicht wissen: Im Westjordanland leben auch viele Christen. Dawood Shaheen war auf palästinensischer Seite lange Zeit der Koordinator der Verbindung zu Bielefeld. Er ist entsetzt über den Terroranschlag der Hamas auf Israel. "Alles, was wir mühsam aufgebaut haben, liegt jetzt in Trümmern." Eine friedliche Verständigung mit Israel werde nun noch schwieriger. Der Überfall der Hamas im Süden Israels hatte sofort auch Auswirkungen auf das Leben in Zababdeh. Lebensmittellieferungen blieben aus. Es gab Hamsterkäufe. Viele Palästinenser arbeiten in Israel. Doch die Grenzen sind dicht. Sie verdienen kein Geld mehr. Auch ein Raketen-Irrläufer, vermutlich aus Syrien oder dem Libanon abgeschossen, schlug unweit der Stadt ein. (mis)

Seitdem radikale Islamisten vom Gaza-Streifen aus Israel überfallen haben, wächst die Sorge, dass die Lage auch an Israels nördlicher Grenze eskalieren könnte. Wird die vom Iran unterstützte Hisbollah-Miliz vollständig in den Krieg eintreten? Bisherige Attacken konnten abgewehrt werden. Doch die Macht der Miliz ist gewaltig. Verfügt die Hamas über etwa 25.000 Kämpfer, sind es bei der Hisbollah zumindest nach eigenen Angaben 100.000. Das in Washington ansässige Zentrum für internationale strategische Studien beschreibt die Hisbollah als "den am stärksten bewaffneten nicht staatlichen Akteur" der Welt. Experten befürchten, dass die Miliz eine israelische Bodenoffensive in Gaza als Startschuss für ein noch stärkeres Eingreifen verstehen könnte.

Gefahr bestimmt den Alltag

Auch Oknin befürchtet das – und sagt dennoch diesen Satz: Weil Nahariya gut vorbereitet sei, könne man wieder mehr Normalität zulassen. Denn der absolute Ausnahmezustand sei nicht lange aufrechtzuerhalten. Was die Schärfe der Schutzmaßnahmen angeht, sei Nahariya auf 20 Prozent zurückgefahren. Die Regeln: Nicht mehr als 30 Leute gemeinsam in einem Raum. Jeder muss sich stets in der Nähe eines Schutzraums aufhalten, über den fast jedes Gebäude in Israel verfügt. Ein Besuch am Strand: Ab 18 Uhr tabu. Denn auch vom Wasser drohen Angriffe.

Mittlerweile sind die Restaurants wieder geöffnet. Auch Kinder dürfen stundenweise in die Schule. Doch die drohende Eskalation bestimmt weiterhin den Alltag. Wer einkaufen geht, sagt Oknin, meidet große Supermärkte. Und gekauft wird viel "Trockenes", wie er sagt. "Snacks", denn in den Bunkern könne man nicht kochen. Und wenn die Menschen in die Bunker müssen, stehen sie im Anschluss noch im Raum davor, ziehen aufgeregt an Zigaretten, schildert Oknin. Die Nerven sind angespannt. Derweil patrouillieren Soldaten zwischen den Häusern und halten Wache an Schulen.

Nahariya: "Ein Dorn im Auge der Terroristen"

Das alles erzählt der 67-Jährige in einem Videoanruf in sehr gutem Deutsch. Er sitzt zurückgelehnt auf seinem Sofa, redet sich in Rage. Jedes Wort ein leidenschaftliches Bekenntnis zu Israel. "Wir kämpfen für unsere Zukunft. Wir müssen gewinnen, wir haben keine andere Wahl." Anzeichen von Angst um das eigene Leben: Keine.

Nahariya sei schon immer "ein Dorn im Auge der Terroristen" gewesen, sagt Oknin, der einst in einer israelischen Kampfeinheit diente und schon oft in Bielefeld war. In den 70er-Jahren hätten die Terroristen Menschen entführt, ihnen mit Steinen die Köpfe eingeschlagen. Im 2. Libanon-Krieg 2006 wurde Nahariya tagelang beschossen, sagt er und zählt weitere Attacken auf.

Wie Israel insgesamt, das macht Oknin deutlich, wird auch Nahariya nicht erst seit dem 7. Oktober bedroht. Doch die aktuelle Krise trifft die Stadt in Zeiten des Aufbruchs. Viele neue Wohnungen wurden geschaffen, neue Schulen gebaut, neue Kindergärten und Hotels, sagt Oknin. Ein eigener Hafen mit Liegeplätzen für Yachten ist geplant. Und von der verlängerten Strandpromenade aus fällt der Blick auf den für Oknin "schönsten Strand in Israel". Nahariya sollte blühen, doch liegt nun im Schatten des Konflikts.

Lange Partnerschaft mit Bielefeld

Seit Jahrzehnten an der Seite der Stadt: Bielefeld. 1980 wurde die Freundschaft zwischen den Orten offiziell besiegelt. Regelmäßigen Kontakt zur Stadt am Mittelmeer, die 1934 von Flüchtlingen aus dem nationalsozialistischen Deutschland gegründet wurde, gab es laut der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Bielefeld schon seit 1971. Politiker der beiden Städte besuchten einander. Jugendaustauschreisen wurden organisiert. Und erst im September war eine Delegation der Bielefelder CDU vor Ort und wurde von Oknin umhergeführt. Einst hat Bielefeld mit Spenden bei archäologischen Ausgrabungen in Nahariya geholfen.

Auch Nahariya hinterließ Spuren in der OWL-Metropole. So gibt es einen Nahariya-Saal im Alten Rathaus, ein Nahariya-Fenster im Neuen, hergestellt in der israelischen Stadt, und eine Nahariya-Straße, gleich neben dem Hauptbahnhof.

"Wir haben großes Mitgefühl mit unseren Freunden in Nahariya", sagt Olaf Selonke. In der Bielefelder Stadtverwaltung ist er zuständig für Städtepartnerschaften. Neben der Bekundung ihrer Solidarität habe die Stadt Hilfe angeboten. Nahariya habe aber noch keinen konkreten Bedarf angemeldet. Vor der aktuellen Krise sei Nahariya ein Erholungsort gewesen, sagt Selonke. "Doch Lebensfreude und Leichtigkeit sind nun Sorge gewichen."

Im Norden droht Eskalation

Doch wie wahrscheinlich ist eine weitere Eskalation an der Grenze zum Libanon? Wie Stephan Vopel, Israel-Experte bei der Bertelsmann-Stiftung, erklärt, habe sich Israel trotz der Bedrohung und fortgesetzter kleinerer Angriffe durch die Hisbollah entschieden, keinen Präventivschlag gegen die von Iran unterstützte Terror-Miliz auszuführen. "Israel hofft, einen Zwei-Fronten-Krieg vermeiden zu können", sagt Vopel. Nun stelle sich die Frage, welche Absichten Iran habe. Denn die Hisbollah stehe unter dem Einfluss des Regimes in Teheran. Aus seiner Sicht habe Iran derzeit vermutlich kein Interesse daran, die Hisbollah in einem Krieg gegen Israel zu opfern. Dann wäre ein Teil seines Eskalationspotenzials verloren.

Vopel betont aber, dass Iran die Hisbollah zwar als Stellvertreter nutze, die Miliz aber kein reiner Befehlsempfänger sei, sondern durchaus ihren eigenen Interessen folge. So könne sich die Hisbollah durch eine Bodenoffensive Israels im Gaza-Streifen genötigt sehen, stärker einzugreifen, um ihre Legitimation bei ihren Anhängern im Libanon nicht zu verlieren. Und nicht zuletzt könne es durch eine ungünstige Verkettung von Entscheidungen auch unbeabsichtigt zu einer Eskalation kommen. "Ich befürchte, dass eine Ausweitung des Kriegs durchaus möglich ist. Umso wichtiger ist es, dass die USA und Europa ihren Einfluss in der Region nutzen, um eine Ausdehnung des Konflikts zu verhindern", so der Experte.

Bei den Menschen in Nahariya bleibt die Sorge. Schon viele haben die Stadt verlassen; 20 Prozent, schätzt Oknin. Und Orte innerhalb einer Sperrzone entlang der Grenze wurden längst evakuiert. Doch hat er selbst in der jetzigen Krise je ans Fortgehen gedacht? "Meine Antwort ist ein lautes Nein", sagt er. "Wenn Gott will, dass ich hier sterbe, dann soll es so sein."

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