Lippische Landes-Zeitung: Nachrichten aus Lippe, OWL und der Welt

Kommentar

Der Preis der Freiheit

Der Bundesverteidigungsminister warnt vor Kriegsgefahren in Europa. Warum Boris Pistorius auf Kriegstüchtigkeit und Wehrhaftigkeit setzt.

"Kriegstüchtig“ – es ist ein großes Wort, das Verteidigungsminister Boris Pistorius wählt, um auf drohende Gefahren für Deutschland hinzuweisen. Dass es dabei nicht nur um eine technische Aufrüstung der Bundeswehr geht, macht der SPD-Politiker im gleichen Atemzug deutlich. Nicht weniger als eine Neuaufstellung der Gesellschaft schwebt ihm angesichts der zunehmenden Konfliktlagen in Europa vor.

Das milliardenschwere Sondervermögen ertüchtigt Pistorius zwar, die Bundeswehr sukzessive aufzurüsten, gleichzeitig wertet er die Aussetzung der allgemeinen Wehrpflicht 2011 im Land als Fehler. Denn seitdem ist die Bundeswehr eine sogenannte Freiwilligenarmee.

Der Minister sieht die internationale Ordnung zunehmend infrage gestellt und befeuert mit seinem Vorstoß die Debatte um die deutsche Verteidigungsfähigkeit. Denn nach Ende des Kalten Krieges sind seit den 90er-Jahren Generationen herangewachsen, die keine Vorstellung von einer militärischen Bedrohung haben mussten. Dieses Zeitalter erklärt Pistorius für beendet und fordert einen „Mentalitätswechsel“.

Ob diese Wende gleichbedeutend mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht – für Männer und Frauen – stehen muss, bleibt offen. Nato-Partnerländer wie die USA oder Großbritannien zeigen, dass auch Berufsarmeen funktionieren können. Die entscheidende Frage in Deutschland wird sein, welchen Preis wir grundsätzlich bereit sind, für die Verteidigung unserer Freiheit und unserer Demokratie zu zahlen – materiell und individuell. Ein einfaches „Weiter so“ wird nicht reichen. Doch darauf sind wir nicht vorbereitet. Und es ist die Aufgabe des Verteidigungsministers, uns darauf hinzuweisen.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2026
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.