Der 9. November ist kein normaler Tag der deutschen Geschichte. Er verbindet die Tage der Erinnerung an demokratische Revolutionen wie die zur Gründung der Weimarer Republik und vor allem zum Sturz des totalitären DDR-Systems mit den Tagen des Entsetzens über faschistisches Verbrechertum, wie es – bislang – nur die Mörderbande der NSDAP in einer staatsbeherrschenden Diktatur verantwortete.
Man kommt – leider – nicht umhin, den Überfall der Hamas-Terroristen auf friedliche Bürgerinnen und Bürger in Israels Süden mit mehr als 1.400 Toten und das öffentliche und hasserfüllte Feiern dieses Mordens und der brutalen Geiselnahme von über 200 Menschen mit den Reichspogromen der Hitler-Diktatur vor 85 Jahren in Verbindung zu bringen. Am 9. November 1938, dem Scheitelpunkt der Novemberverbrechen vom 7. Bis zum 13. November, verfolgten, bedrohten und ermordeten Mitglieder der SA und SS in Zivil ebenfalls jüdische Menschen, zündeten Synagogen an, brachen in Geschäfte und Einrichtungen ein und zerstörten sie. Der geplante Angriff markierte damals den Übergang von der bis dahin betriebenen Ausgrenzung und Diskriminierung von Jüdinnen und Juden im Land zu systematischen Deportation und zur organisierten Massenvernichtung von Leben.
Das gibt diesem Tag in diesem Jahr der wieder neu aufwachsenden Konflikte und Kriege weltweit eine ganz besondere Bedeutung. Das "Nie wieder!" liegt in der Verantwortung aller Demokraten. Ganz gleich, welche Fragen man – auch in dem aktuellen Konflikt im Nahen Osten – an das in Teilen unverantwortliche Verhalten des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu und seiner auch rechtsradikalen Anhänger hat: "Antisemitismus ist ein Angriff auf unsere Werte, unsere plurale Demokratie, auf unser friedliches Zusammenleben. Der Kampf gegen Judenhass ist Aufgabe der Gesamtgesellschaft." Kein Demokrat, keine Demokratin in unserem Land wird diesen Sätzen des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, widersprechen.
Wenn diese Demokraten zusammenstehen, haben Verbrecher wie Hitler und seine Schergen keine Chance, wie schon – wenn auch nicht dauerhaft – deren gescheiterter Putsch vor 100 Jahren, am 9. November 1923, gezeigt hat. Wenn Demokraten zusammenstehen, gewinnt die Demokratie. Das haben die Revolutionen 1918 oder 1989 gezeigt. In beiden Jahren war der 9. November der Tag der Freiheit und dann auch des Friedens – auch daran gilt es zu erinnern. Wegen oder trotz der verheerenden Bilder von den aktuellen Brandherden der Welt.