Vier Ostwestfalen eröffnen ersten christlichen Sexshop Deutschlands

Alexander Lange

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Geschäft mit der Liebe: Wellington Estevo (v. l.), Gerhard Peters und Timon Rahn haben den ersten Sexshop nach christlichen Werten gegründet. - © Alexander Lange
Geschäft mit der Liebe: Wellington Estevo (v. l.), Gerhard Peters und Timon Rahn haben den ersten Sexshop nach christlichen Werten gegründet. (© Alexander Lange)

Bielefeld. Ihre Idee fanden sie selber verrückt, neu und ein bisschen skurril. Aber nicht widersprüchlich. Sex, Spaß und Kirche könne man super vereinbaren, sagen Wellington Estevo, Timon Rahn, Gerhard und Jonathan Peters. In Bielefeld haben sie Deutschlands ersten christlichen Sexshop gegründet.

Sex sei nicht nur zum Kinderkriegen gemacht, erklären die vier die Philosophie, die sie antreibt. „Sex macht auch Spaß", sagt Wellington Estevo: „Das Gefühl hat uns Gott mit der Schöpfung geschenkt. Gerade Christen müssen Vorreiter sein, wenn es um das Thema Sexualität geht." Es sei an der Zeit, offen über Lust und Liebe zu reden.

Dildos, Vibratoren, Öle und Kondome

Sie wollen eine Bewegung sein, Sexualität vom christlichen Deckmantel des Schweigens befreien. Alle vier stammen aus freievangelischen Gemeinden in Ostwestfalen-Lippe, arbeiten als Grafiker, Webdesigner und Ingenieure. Nur Gerhard Peters hat zwei Semester Theologie studiert. „Theologen sind wir nicht, wollen wir auch gar nicht sein", sagen die vier.

Ihr Motto ist Aufklärung, ihr Sprachrohr ist ihr Internet-Shop schönerlieben.de. Auf den ersten Blick unterscheidet sich der nicht besonders von der dominierenden Internetkonkurrenz. Dildos, Vibratoren, Massageöle und Kondome. „Aber ganz diskret, harmlos und stilvoll", sagt Estevo: „Nacktheit und Pornografie wird bei uns niemand auf der Internetseite finden."

Keine Pornos, keine Fesselspiele

Nicht, weil Christen prüde seien oder Nacktheit der Bibel widerspreche, so Timon Rahn. „Aber wir wollen unsere Zielgruppe nicht gleich überrumpeln. Viele hatten mit Sexshops noch keinen Kontakt, weil sie das mit einem Schmuddel-Image verbinden. Und da wollen wir weg."

Auch Pornos gibt es bei schönerlieben.de nicht. Das sei Sexualität fernab der Realität, sagt Peters: „Ein falsches Bild, vor allem für Jugendliche. Sex ist nicht das, was wir in Pornos sehen." Das Klientel des Shops seien Paare. „Und wir sagen: Fokussier dich auf deinen Partner." Ob Sexspielzeug nicht vor allem der Selbstbefriedigung diene? „Nicht nur, aber natürlich auch." Ein Gegensatz zur kirchlichen Sexualpolitik? „Wo steht in der Bibel, Selbstbefriedigung sei verboten?"

Idee kam beim Reformationsjubiläum

Anal-Toys, Peitschen oder Fesselspiele gibt es im christlichen Sexshop aber nicht. Dafür gibt es Texte und Erklärungen zu den Ölen, Liebeskugeln und Co – als Orientierung und Hilfestellung zugleich. „Wir wollen die Leute anders abholen, als ihnen einfach einen Vibrator vor die Nase zu halten", sagt Estevo. Es bedürfe Zeit, mit den Tabus zu brechen, die die Kirche jahrhundertelang getragen habe.

Die Idee der Shopgründung kam ihnen vor zwei Jahren beim 500. Reformationsjubiläum. „Morgens saßen wir mit Freunden zusammen und überlegten, dass wir etwas machen müssen", erinnert sich Estevo: „Abends stand die Idee, das ging ganz schnell." Ein wenig wie die Jungfrau zum Kinde. Als Jugendliche hätten doch alle erlebt, dass Sexualität stiefmütterlich tabuisiert wurde, so die vier.

Stand beim evangelischen Kirchentag

Offen und locker damit umzugehen sei aber der richtige Weg. Für die Zukunft planen sie einen passenden Blog über Sexualität und Kirche. Sexualtherapeuten wollen sie aber trotzdem nicht sein: „Wir wollen aber, dass darüber gesprochen wird. Die Leute sollen diskutieren, offen reden. Wir geben nur Impulse." Die meisten Kunden des Shops seien über 40 und weiblich.

Ob tatsächlich Christin oder nicht, das wissen sie nicht: „Wir machen ja keine Erhebungen. Uns ist auch egal wer am Ende bei uns kauft. Jung oder alt, Christ, Muslim oder Jude, homo oder hetero." Paarvibratoren seien der Renner, ebenso wie Love-Boxen für romantische Stunden zu zweit. Einen „auf den Deckel" gebe es öfter, Shop-Kritiker genug.

Aber noch häufiger gebe es Lob und Zuspruch. Im Sommer stehen die vier Bielefelder mit einem Stand beim evangelischen Kirchentag in Dortmund und informieren über ihren Shop. „Mal schauen, wie die Leute da reagieren", sagt Estevo. Eins habe der Shop seit Gründung aber längst gezeigt: „Der Bedarf ist da. Viele Leute sagen: Endlich."

Information

Lokale Sexshops haben es schwer

Uwe Kaltenberg ist Geschäftsführer des Bundesverbandes Erotik-Handel: „Der lokale Handel hat es schwer gegenüber der Online-Konkurrenz, hat aber auch seine Vorteile, was Beratungsmöglichkeiten angeht."

Viele Käufer bevorzugen aber das Online-Geschäft aufgrund der Vielfalt und Anonymität: „Und auch bei den Preisen kann der stationäre Handel nicht mithalten."

Das Geschäft mit Pornofilmen sei in den letzten Jahren extrem eingebrochen, weil diese im Internet frei verfügbar seien.

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