Bielefeld. Kinderfotos in den Sozialen Medien sind keine Seltenheit. Stolz präsentieren Eltern der Welt auf Instagram, Facebook, Youtube und Co. Fotos und Videos vom ersten Schritt, dem ersten Gang auf das Töpfchen oder dem ersten ausgefallenen Zahn ihres Kindes. Das mag niedlich aussehen, doch solche Fotos sind alles andere als ungefährlich.
Die Stars machen es vor - national wie international. Fußballer Marco Reus und Model Scarlett Gartmann posten am Sonntagabend ein Foto ihrer neugeborenen Tochter auf Instagram, Daniela Katzenberger wünscht ihrem Schwiegervater Costa Cordalis mit einem Foto, das ihn und ihre Tochter Sophia zeigt, gute Besserung und auch über die Sprösslinge der Reality-TV-Stars Kim Kardashian, Kylie Jenner und Co. ist man dank der sozialen Netzwerke der Familie täglich gut informiert. Tausende Mamablogger und auch normale Nutzer der Netzwerke machen es nach und laden ebenfalls fleißig Bilder von ihrem Nachwuchs hoch. "Nur weil es bekannte Menschen tun, ist es erstens nicht richtig und zweitens steht bei den Kardashians und Co. ein ganz anderer Sicherheitsapparat an Bodyguards dahinter", sagt Bloggerin Toyah Diebel. Die 28-Jährige hat eine Kampagne gegen Kinderfotos im Netz gestartet, die deutschlandweit für Aufsehen sorgt. Dabei sollte uns dieses Risiko längst bewusst sein.
Tausende Fotos von nackten Kindern auf dem Töpfchen im Netz
Auf den sechs Motiven sind nicht etwa Kinder mit breiverschmiertem Gesicht, heulend oder etwa an der Brust trinkend zu sehen, sondern Diebel und Wilson Gonzalez Ochsenknecht. Ein Riesenspaß, eine witzige Aktion. Doch die Bilder sollen nicht für großes Vergnügen bei den Betrachtern sorgen, sondern Diebel Gehör für das Thema bringen. Und das tun sie. Das mediale Echo ist riesig. Vielleicht auch, weil sie mit Ochsenknecht ein berühmtes Model gefunden hat, das genau weiß, wie es ist im Netz zu stehen. Mit einer Ausnahme: Ochsenknecht wurde als Kinderschauspieler professionell betreut. Diebel und Ochsenknecht kritisieren die Missachtung der Persönlichkeitsrechte von Kindern.
"Jeder kennt das, wenn ein Bild von einem selbst im Internet ist, auf dem man sich nicht leiden mag. Man möchte sich selbst gerne im besten Licht präsentiert sehen. Bei Kinderfotos sehen wir das aber komplett anders", sagt Diebel. Die Motive seien dabei aber alles andere als übertrieben oder gar aus der Luft gegriffen: "Allein unter dem Hashtag pottytraining (Deutsch: Pöttchentraining) gibt es mehr als 400.000 Beiträge mit Kindern auf oder ums Töpfchen."
Technologien sind schon heute erschreckend
Das mag niedlich sein, doch ist es vor allem eins: supergefährlich. Denn das Internet steckt noch in den Kinderschuhen und man kann heute noch gar nicht abschätzen, was in 15 Jahren möglich ist. Schon die heutigen Möglichkeiten sind ja bereits erschreckend.
"In England wurde zum Beispiel eine Technologie von der Polizei eingesetzt, die es geschafft hat, einen Täter über gepostete Bilder seiner Hände und damit Fingerabdrücke zu identifizieren", sagt Thomas-Gabriel Rüdiger, Cyberkriminologe und Dozent am Institut für Polizeiwissenschaft in Oranienburg. Er unterstützt die Kampagne von Diebel. Denn das Thema ist alles andere als unwichtig: "Sexualtäter sind nicht nur physisch unterwegs, sondern auch digital."
Hinzu kommen hohe Risiken, denn auch in den sozialen Medien treiben sich Pädophile herum, die das soeben gepostete Foto vom eigenen Kind vielleicht nicht niedlich, sondern anregend finden, "und daraus auch nicht einmal einen Hehl machen", so Diebel. Und auch Rüdiger warnt vor Sexualtätern im Netz: "Wir wissen bereits, dass viele von ihnen die Sozialen Medien nicht nur zur Erregung, sondern auch für die gezielte Kontaktaufnahme nutzen." Sexuelle Übergriffe im Netz sind für viele Kinder und Jugendliche alltäglich.
In der Netzwelt ist es toll, dass ein 42-Jähriger die Sechsjährige kennenlernen will
Doch genau an dieser Stelle beginnt auch der Irrsinn zwischen der Wahrnehmung der realen Welt und der Social-Media-Welt. "Wenn jemand mit dem Nutzernamen Bernhard1977 unter das Foto deines Kindes kommentiert "Das ist aber ein süßes Mädchen, dich würde ich gern mal kennenlernen", freut sich die Mutter über den Kommentar, der ihre Reichweite steigert und über den Like auf dem Bild. Aber was würde sie tun, wenn derselbe Bernhard auf dem Spielplatz zu dem Kind käme und dasselbe sagen würde?", sagt Diebel und hebt ihre Stimme: "In der Realität wären wir entsetzt, aber auf Youtube und Instagram finden wir's gut? Wie bescheuert ist das denn?"
Auch schon der Gedanke daran, dass Sexualtäter sich an den Fotos und Videos der eigenen Kinder befriedigen, müsste Eltern beunruhigen. "Nicht nur, aber auch in Russland gibt es zum Beispiel ganze Foren, in denen vornehmlich erwachsene Männer Fotos von öffentlich geposteten Kindern aus dem Netz sammeln", erzählt Rüdiger und verweist auf den großen Youtube-Skandal. Dabei kommentierten zahlreiche potenzielle Täter Videos mit Kindern mit bestimmten Minutenanzeigen, in denen sie etwas für sie Erregendes gesehen haben: "Zum Beispiel, wenn ein Kind hüpft und das Kleid dabei hochrutscht. Sie verweisen damit Gleichgesinnte auf die Inhalte und speichern diese auch sehr wahrscheinlich ab."
Durch Markierungen von Orten, Zeiten und weiterer Details sowie dem regelmäßigen Contentfluss ist es laut dem Cyberkriminologen kein Problem einzugrenzen und schließlich herauszufinden, wo dieses Kind wohnt und ihm auch in der Realität zu begegnen: "Das gilt natürlich für Erwachsene genauso. Nur können die selbst entscheiden, ob und was sie von sich publizieren und gehen das Risiko damit selbstbestimmt ein." Das sei so naheliegend wie unbequem, sodass viele Nutzer und auch Blogger es nicht wahrhaben wollen. Es folgen Argumente wie: "Ich habe mein Kind nur als Profilbild bei Whatsapp." Darüber kann der Cyberkriminologe nur den Kopf schütteln. Dass dies auch die teilweise Hunderten Whatsapp Kontakte sehen können, wird dann ignoriert.
Influencer verkaufen ihre Kinder im Sozialen Netzwerk
Gerade Influencer, also solche Blogger, die durch ihre Reichweiten einen hohen Einfluss haben, sind sich dessen nicht bewusst oder ignorieren die Gefahren schlichtweg. Hinter diesen Blogs steckt schließlich eine große Industrie mit hohen Werbeeinnahmen. "Für einen Fünf-Euro-Schnuller stellen sie ihr Kind ins Netz. Es ist nicht mal übertrieben zu sagen, dass sie ihr Kind verkaufen", so Diebel.
Gründe dafür sieht die Bloggerin im Narzismus der Menschen. "Soziale Medien triggern das Bedürfnis nach Anerkennung über Likes und Kommentare", sagt die 28-Jährige. Doch das sieht Diebel nicht als einzigen Grund für das Verhalten. "Vielen fehlt auch einfach die nötige Medienkompetenz. Sonst würden sie die Bilder ihres Kindes nicht mit Ort- und Zeitangaben und all solchen persönlichen Infos versehen. Es ist ein Leichtes herauszufinden, wo die Mutter mit ihrem Kind nächste Woche ist."
Ein Smiley über dem Kindergesicht ändert nichts
Daran könnten auch Bilder, auf denen nur der Körper des Kindes zu sehen ist oder entfremdete Bilder nichts ändern - übrigens ein weiteres Beispiel für die Naivität von Eltern im Umgang mit Fotos ihrer Kinder im Netz. "Erstens weiß ein potenzieller Sexualtäter auch ohne das Gesicht des Kindes viel darüber - Körpergröße, Haarfarbe, welche Kleidung das Kind trägt - und zweitens gibt es schon Techniken, die entfremdete Bilder entschlüsseln können", so Rüdiger. So sind in der Vergangenheit nämlich bereits Sexualstraftäter überführt worden.
Denn auch diese verwenden häufig ihr eigenes Gesicht, das mithilfe eines Kniffs verdreht wurde. Die Polizei konnte diese Drehung ohne Probleme rückgängig machen und hatte so klare Fahndungsfotos: "Wenn es so eine Technik noch nicht für Smileys auf den Gesichtern von Kindern gibt, dann dauert es nicht mehr lang." Dass es kaum ein Programm gibt, dass nur die Polizei nutzt, sollte ebenfalls jedem klar sein. Was die Beamten benutzen, nutzen häufig auch die Täter.
Doch wie schützt man sein Kind tatsächlich im Internet? "Indem man gar nichts postet", sagen die Bloggerin und der Cyberkriminologe. Nur das sei wirklich sicher. Will man das nicht, sollte man zumindest die Informationen gut und weise wählen. "Man unterscheidet immer zwischen vulnerabler und reflektierter Darstellung. Einige sehr erfolgreiche Blogger beherrschen das. Über sie findet man alles, aber auch nichts heraus. Nicht wo sie wohnen, nicht einmal wie das Haus aussieht."
Plötzlich sind die mitteilungsbedürftigen Mamablogger ganz leise
Angesprochen auf die Gefahr hinter der fleißigen Arbeit in den Sozialen Netzwerken reagieren Mamablogger allergisch, geradezu gereizt. Denn sie verdienen viel Geld mit diesen Bildern und Werbekooperationen und scheinen sich spätestens nach der Aktion ein wenig mehr über den moralischen Zwiespalt bewusst zu sein - sollte man zumindest hoffen.
Namentlich will keine der Mamabloggerinnen genannt werden. Mit dem Versprechen, den Namen nicht zu nennen, äußert sich aber dennoch eine gegenüber nw.de. "Wir posten die Kinder nur, solange sie klein sind und keinen großen Erkennungswert haben." Ihr Sohn wisse zudem, was Instagram sei und erlaube ihr, Bilder zu posten. Und sie geht nach eigenen Angaben sogar noch weiter: "Wenn er bei Kooperationen mitmacht, bekommt er dafür auch etwas auf sein Konto überwiesen." Andere antworten kurz und argumentieren, dass sie zu viel zu tun hätten, um sich derzeit zu äußern. Außerdem würden sie selbst immer sehr bedacht auswählen, was sie posten. Was das bedeutet, können oder wollen sie nicht sagen. Diese Erfahrungen hat auch Toyah Diebel gemacht.
Spätestens dann, wenn sie die Lieblingsargumente "Kyle Jenner macht es auch" mit Verweis auf den Sicherheitsapparat des Stars oder etwa "Das Pampersbaby ist auch nur in Windel zu sehen" mit der Erklärung, dass nur wenige Menschen überhaupt wüssten, wie das Werbegesicht heißt, widerlegt, gehen den Müttern ihre Argumente aus. "Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird mir dann vorgehalten, dass ich selbst noch keine Kinder habe und das nicht beurteilen könnte. Dabei frage ich mich: Warum muss man Kinder haben, um Persönlichkeitsrechte zu wahren und darauf aufmerksam zu machen?"
Denn eigentlich will Diebel mit ihren provokanten Bildern nur eins: Die Sensibilität von Menschen im Umgang mit Fotos im Internet erhöhen und so auch Pädophilen kein Material leichtfertig zur Verfügung stellen. "Da muss auch die Politik wachsam werden. Wir haben ein grundsätzliches strukturelles Problem im Internet. Sogar der Jugendmedienschutz hat es nicht zum primären Ziel, Kinder im Netz vor Straftaten zu schützen. Es sollte erst ein sicherer digitaler Raum für Kinder geschaffen werden, für dessen Regeln dann Medienkompetenz vermittelt werden muss", sagt Rüdiger, während vermutlich Hunderte Kinderfotos ins Netz geschossen werden.