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Reparaturen oder Bücher

Warum Sie bei Haustürgeschäften auf der Hut sein sollten

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, das alle kennen: An der Haustür kaufen wir nichts. Und trotzdem schaffen es Vertreter und fliegende Händler immer wieder, sich das Vertrauen ihrer potenziellen Kundschaft zu erschleichen.

Ein Einfamilienhaus im Berliner Ortsteil Altglienicke, es klingelt. Vor der Tür stehen drei Arbeiter mit einem Lieferwagen. Sie hätten gesehen, dass die Regenrinne kaputt sei, und bieten eine Reparatur für 85 Euro an. Die Hausbewohnerin ist überrumpelt, sagt, das müsse sie erst einmal mit ihrem Mann besprechen. Doch während sie ins Haus zurückgeht, beginnen die Handwerker schon mit ihrer Arbeit. Sie reißen die vermeintlich defekte Regenrinne ab und installieren eine neue. Innerhalb einer Viertelstunde sind sie fertig. Statt einer Regenrinne aus Zink hängt jetzt eine aus Blech. Und statt den vorher angegebenen 85 Euro wollen sie nun 320 Euro haben. Es sei ja bei der Kostenangabe nur um das Material gegangen.

Thomas Jokisch erzählt diese Geschichte, die so seiner damals 85-jährigen Mutter passiert ist. Er selbst wohnt im Haus nebenan, ist aber zu dieser Zeit nicht da. „Es war ein großer Zufall, dass in dem Augenblick die Physiotherapeutin kam und rief, die Polizei sei informiert und komme gleich. Als die Typen das gehört haben, sind sie abgehauen.“

Thomas Jokisch kennt die Masche. Auch bei ihm kämen immer mal wieder Leute vorbei, um sich zum Beispiel als Fensterputzer anzubieten. „Die sind sehr penetrant, rennen ums Haus rum, klopfen überall. Die einzige Chance ist es, die abzuwehren.“

Betrüger sind geschult

Doch das ist manchmal gar nicht so einfach. Michèle Scherer von der Verbraucherzentrale Brandenburg hat immer wieder mit Beschwerden über sogenannte Haustürgeschäfte zu tun – unter anderem über Handwerker, die spontan ihre Arbeitskraft anbieten. „Ich muss mir ja immer die Frage stellen: Wie kann jemand, der nur kurz an meinem Grundstück vorbeigefahren ist, einen Mangel feststellen, den ich noch gar nicht bemerkt habe? Da sollte ich hellhörig werden.“ Ihr Rat, wenn es wirklich darum geht, etwas reparieren oder erneuern zu lassen: Mehrere Angebote einholen und die Kosten zu vergleichen, denn das fehle in dem Moment.

Oft haben die Verbraucherzentralen auch mit untergeschobene Energie- oder Telefonverträgen oder den Verkauf von vermeintlich hochwertigen Büchern, sogenannten Faksimiles, als Geldanlage für mehrere tausend Euro. Manche Menschen verlieren auf diese Weise einen Großteil ihrer Ersparnisse. Wie ist das möglich?

„Die Menschen, die versuchen an der Haustür ihre Verträge loszuwerden, sind ja geschult darin. Die können einen in Gespräche verwickeln, Vertrauen aufbauen, zum Teil auch unter Druck setzen, dass man dringend handeln müsse“, so Scherer. „Es ist einfach eine überrumpelnde Situation. Dann fühle ich mich vielleicht verunsichert, gebe zu viele Daten von mir preis oder unterschreibe dann doch was, einfach, um denjenigen loszuwerden. Es gibt unterschiedliche Fälle.“

So reagiert man richtig

Eine Recherche des rbb-Fernsehens von 2022 zeigt, wie Mitarbeitende für ihre Verkaufsgespräche an der Haustür geschult werden. Ein Undercover-Reporter bewirbt sich als Vertriebsmitarbeiter bei einer Firma, die angeblich wertvolle Bücher verkauft. Im Rollenspiel wird das Gespräch an der Haustür geübt – mit Kunden, die meistens schon früher Bücher von anderen Haustürvertretern bestellt haben. Der Gesprächsleitfaden gibt vor, die bestehende Sammlung zu loben, aber darauf hinzuweisen, dass der alles entscheidende Teil fehle: ein besonders wertvolles Faksimile, handgemalt, das Hochwertigste, was es weltweit gebe – zu einem Sonderpreis von mehreren tausend Euro.

Michèle Scherer empfiehlt, solche Verkaufsgespräche gleich an der Haustür abzuwehren und die entsprechenden Personen gar nicht erst bis zur Wohnung kommen zu lassen. „Am einfachsten ist es, gleich an der Gegensprechanlage zu sagen: Werfen Sie mir die Informationen in den Briefkasten.“ Das sei viel leichter, als später jemanden bitten zu müssen, die Wohnung zu verlassen.

Manchmal schummeln sich Vertreter auch unter Vorgabe falscher Tatsachen ins Haus, etwa, weil sie am Gas- oder Stromzähler etwas ablesen müssten. Auch hier rät Michèle Scherer dringend zur Vorsicht: „Wenn wirklich eine Prüfung ansteht, dann wird das in der Regel schriftlich angekündigt.“ Von den Mitarbeitenden solle man sich unbedingt einen Ausweis zeigen lassen und noch einmal ganz genau nachfragen, was genau gemacht würde.

Misstrauisch sein schützt

Denn das Perfide dabei: Wer einmal die Zählernummer weiß, kann ganz einfach zusammen mit Angaben zu Namen und Adresse einen bestehenden Vertrag beim Energieversorger kündigen und zu einem neuen wechseln – auch ohne das Wissen der entsprechenden Kundin. Die erfährt von dem Wechsel erst später durch das Willkommensschreiben des neuen Energieanbieters.

„Dann sollte ich ziemlich schnell reagieren“, so Scherer. 14 Tage nach Eingang des Schreibens gibt es die Möglichkeit, den Vertragsabschluss zu widerrufen – zum Beispiel per Brief oder E-Mail. „Außerdem sollte ich dringend meinem alten Versorger mitteilen, dass ich bleiben möchte, dass der Wechsel ein Versehen war.“ Im Zweifel rät sie dazu, sich Hilfe zu holen und sich beraten zu lassen, zum Beispiel bei der Verbraucherzentrale. Und für die Zukunft hilfreich: Noch ein bisschen misstrauischer an der Haustür zu sein.

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