Lippische Landes-Zeitung: Nachrichten aus Lippe, OWL und der Welt

Debatte um Teilzeit

Lifestyle oder Familienpflicht?

Seit Monaten zielen Forderungen aus der Union bis hin zum Kanzler auf mehr Arbeitsmoral in Deutschland ab. «Generell in der Lebenszeit» soll nach Ansicht von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) mehr gearbeitet werden. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kritisierte die «fast drei Wochen», auf die die Deutschen im Schnitt bei den Krankentagen im Jahr kommen. Nun tobt eine Debatte um die immer weiter steigende Teilzeit. Um was geht es? Was könnte auf die Beschäftigten in Deutschland zukommen?

Wer fordert welche Änderung - und warum?

«Wer mehr arbeiten kann, sollte mehr arbeiten», sagte die CDU-Politikerin Gitta Connemann dem «Stern». Wegen Deutschlands Fachkräftemangel solle «freiwillige Teilzeit aus Gründen der individuellen Lebensgestaltung» nicht dauerhaft «durch den Sozialstaat abgesichert» werden dürfen, so die Juristin und gelernte Schuhverkäuferin.

Wegen des Fachkräftemangels können viele Betriebe nicht wählerisch sein. (Symbolbild) - © picture alliance / Peter Kneffel/dpa
Wegen des Fachkräftemangels können viele Betriebe nicht wählerisch sein. (Symbolbild) (© picture alliance / Peter Kneffel/dpa)

Seit gut vier Jahren ist die 61-Jährige Chefin der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT), einer einflussreichen Wirtschaftsinteressen-Vertretung bei CDU/CSU, seit 2025 Staatssekretärin bei Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Die CDU soll nach dem Willen der MIT auf ihrem Parteitag in drei Wochen in Stuttgart beschließen, dass es keinen Rechtsanspruch «auf Lifestyle-Teilzeit» mehr geben soll. «Es geht uns um anlasslose Teilzeit», so Connemann bei RTL und ntv.

Wie hat sich die Bedeutung der Teilzeit entwickelt?

Mehr Beschäftigung in Unterricht und Erziehung brachte auch noch einmal mehr Teilzeit. (Symbolbild) - © Julian Stratenschulte/dpa
Mehr Beschäftigung in Unterricht und Erziehung brachte auch noch einmal mehr Teilzeit. (Symbolbild) (© Julian Stratenschulte/dpa)

Sie ist stark gewachsen. Schon bis Mitte der 1990er ging die Arbeitszeit laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zurück - damals aber noch verursacht durch kürzere tarifliche Wochenarbeitszeit, mehr Urlaub und weniger Überstunden. Seitdem geschieht dies fast ausschließlich durch mehr Teilzeit. Laut Statistischem Bundesamt haben 2024 29 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland in Teilzeit gearbeitet - fast jede zweite Frau (49 Prozent) und 12 Prozent der Männer. Laut IAB erreichte die Teilzeitquote im dritten Quartal 2025 mit 40,1 Prozent den höchsten Wert in so einem Quartal.

Warum ist der Teilzeit-Boom noch einmal größer geworden?

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) setzt sich für mehr Vollzeit ein. (Archivbild) - © Carsten Koall/dpa
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) setzt sich für mehr Vollzeit ein. (Archivbild) (© Carsten Koall/dpa)

Unter anderem wegen eines Beschäftigungszuwachses in Branchen mit einem hohen Teilzeitanteil - laut IAB etwa dem Gesundheits- und Sozialwesen, Erziehung und Schule. Im verarbeitenden Gewerbe mit seinen vielen Vollzeitstellen sank dagegen die Beschäftigung. Insgesamt gab es 46 Millionen Erwerbstätige - etwa so wie im Vorjahresquartal, so auch das Arbeitsvolumen mit 15,7 Milliarden Stunden. IAB-Fazit zuletzt: Auf dem Arbeitsmarkt herrscht weiter Flaute - nur bei Nebenjobs und Teilzeitquote geht es aufwärts.

Arbeiten die Menschen immer freiwillig in Teilzeit?

Nein. Vor allem viele Mütter würden nach eigenen Angaben gern länger arbeiten. Laut Statistischem Bundesamt wollte jede siebzehnte Teilzeitkraft 2024 Vollzeit arbeiten. Viele fanden keine Vollzeitstelle, vor allem junge und ältere Beschäftigte. Früher waren es aber noch mehr. Die Hälfte der Teilzeitbeschäftigten gibt demnach an, Teilzeit arbeiten zu wollen, oder hatte andere persönliche Gründe.

Familiäre Pflichten als Grund nannten 33 Prozent der Frauen - und 9 Prozent der Männer. «Insbesondere mit Blick auf die Betreuung von Kindern und Angehörigen, ist davon auszugehen, dass Veränderungen bei Angeboten für Kinderbetreuung und Pflege die Wünsche nach Vollzeit- oder Teilzeitarbeit beeinflussen», schreiben die Statistiker.

Wie kommen Beschäftigte zu Teilzeitarbeit?

Ein Antrag auf verringerte Arbeitszeit muss laut DGB schriftlich mit bevorzugter Stundenzahl und dem Beginn der Arbeitszeitverkürzung beim Arbeitgeber gestellt werden. Der Anspruch besteht nach mehr als sechsmonatigem Arbeitsverhältnis und mehr als 15 Mitarbeitern. «Jede Vereinbarung zu Teilzeit ist unterschiedlich», stellt der DGB fest. Die Arbeitszeit steht im Arbeitsvertrag. Auch Minijobs sind immer Teilzeitbeschäftigungen. Betriebliche Gründe, die gegen die Verringerung der Arbeitszeit sprechen, dürfen nicht bestehen.

Was könnte der MIT-Vorstoß für die Beschäftigten ändern?

Unmittelbar wohl nichts. Nicht nur aus der Opposition, sondern auch vom Koalitionspartner SPD und dem CDU-Sozialflügel kommt teils heftige Kritik am MIT-Vorstoß - und die Warnung vor weniger Arbeitnehmerrechten. Für eine Einschränkung des Teilzeitanspruchs wäre aber ein Einvernehmen in der Koalition nötig.

Immerhin Wirtschaftsministerin Reiche (CDU) reagierte aber mit der Forderung nach «mehr Vollzeitarbeit» - kombiniert mit Betreuungsmöglichkeiten. Connemann gab sich kämpferisch. Kritik wies sie als mutwiliges Missverstehen zurück. «Es geht uns ausschließlich darum, kein einseitiges Recht gegenüber Arbeitgebern zu haben, wenn es darum geht, sein Freizeitinteresse leben zu können», sagte sie RTL und ntv. «Teilzeit ist richtig und gut, wenn ein Grund besteht.»

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2026
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.