Interview mit Ulla Meinecke

Über Einsamkeit beim Schreiben, Tour-Schrullen und ihr Nein an die Musikindustrie

Barbara Lütgebrune

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Bad Salzuflen. Sie gilt als „Grande Dame“ der poetischen deutschen Popmusik: Ulla Meinecke besingt in ihren selbst getexteten Liedern die Großstadt und die Liebe, schreibt Bücher und spielt Theater. Am 16. April tritt sie in Bad Salzuflen auf.
In dem Konzert, das an jenem Donnerstag um 20 Uhr im Bahnhof Bad Salzuflen, Bahnhofstraße 41, beginnt (Tickets gibt’s in allen LZ-Geschäftsstellen), sollen Klassiker wie „Feuer unterm Eis“, „Die Tänzerin“ und „50 Tipps, ihn zu verlassen“ ebenso erklingen wie ganz neue Lieder. Mit dabei sind die Musiker Ingo York und Reinmar Henschke. Die LZ sprach mit UIla Meinecke.
Frau Meinecke, eine Weile waren Sie mit Lesungen unterwegs – nach Bad Salzuflen kommen Sie jetzt wieder mit Musik pur: Ist das wie nach Hause zu kommen, oder gibt es da für Sie keinen großen Unterschied?
Ulla Meinecke: Doch, klar, das ist eine ganz andere Form von Show. Ein Intermezzo war das mit den Lesungen zwar nicht, dazu war das viel zu ausführlich – zwischen 2005 und 2010 habe ich drei Bücher geschrieben –, aber 2012 kam für mich dann richtiggehend ein „Rücksturz“ zur Band. Ich wollte endlich wieder mein ureigenes Ding machen.
Und das ist Musik machen und mit der Band auf Tour sein?
Meinecke: Genau. Wir spielen rund 100 Shows pro Jahr, und wenn man so viel spielt, dann entwickelt sich das immer weiter. Wir proben unterwegs, wir schmeißen Sachen raus, packen neue rein. So oft und so lange zusammen auf Tournee zu sein geht nur, wenn man sich wirklich gut versteht, sonst schlägt man sich irgendwann gegenseitig den Schädel ein. Aber wenn das nicht passiert, dann wird es immer besser. Und anders, als man es je planen könnte.
Aber die Texte und das Schreiben spielen für Sie ja auch seit jeher eine große Rolle. Was reizt Sie daran?
Meinecke: Für Worte und Geschichten war ich schon immer empfänglich. Als ich lesen gelernt hatte, was für eine Befreiung war das für mich! Mark Twain habe ich angehimmelt, seit ich zehn war – und tue es bis heute. Mit zwölf Jahren habe ich dann meine ersten ernsthaften Schreibversuche unternommen. Aber ich glaube, ich bin beschenkt dadurch, dass ich beide Facetten in mir habe, das Schreiben und das Musikmachen, die Möglichkeit, raus auf die Bühne zu gehen. Nur zu schreiben, das ist schon eine sehr einsame Nummer. Da würde ich wohl sehr schrullig werden.
Sie schreiben ja auch Songtexte für andere. Müssen Sie die Sänger gut kennen, damit das funktioniert?
Meinecke: Die Person muss mich künstlerisch interessieren. Und es muss ihr wichtig sein, was sie singt – es gibt viele, denen ist das total Wumpe. Ein tolles Beispiel ist Annett Louisann, für die ich ja geschrieben habe. Sie hat so inspirierend erzählt, hat mich mit reingenommen in ihr Annett-Universum – da fallen mir dann auch ganz viele Sachen ein, die für mich selbst nicht in Frage kämen, aber bei ihr ganz authentisch klingen. Wichtig ist auch, dass ein Sänger, für den ich schreibe, einen unbedingten Ausdruckswillen hat. Da bin ich alte Schule, ich arbeite immer von innen heraus.
Ist genau das vielleicht Teil Ihres Erfolgsrezeptes? Dass Sie sich nie von Modeströmungen haben mitreißen lassen?
Meinecke: Moden haben mich nie interessiert. Mich interessiert die klassische, die gründliche Arbeit. Das hat dann irgendwann ja auch die Musikindustrie bemängelt: Wieso braucht die so lange? Aber ich singe einen Song Hunderte Male, und wenn da immer dieses eine blöde Wort ist, da kriegen Sie doch die Krise. Meine Songs müssen komplett durchgearbeitet sein. Und ich bin sehr froh, dass ich in diesem Punkt selbstbestimmt bin – da tun mir Schauspieler immer Leid. Aber ich kann mich auf meinen Instinkt ganz gut verlassen.
Udo Lindenberg war es, der damals Ihre Karriere ins Rollen gebracht hat...
Meinecke: ...und wir sind bis heute in Kontakt. Damals waren wir 23 und 29, heute sind wir 61 und 68 – wie ist denn das passiert? Das Leben braust und rennt und fliegt. Udo Lindenberg ist Familie, das geht auch nicht mehr weg. Das ist ein bisschen wie mit der Musik und den Songs: Vorausgesetzt, die Dinge stimmen, ist Dauer durch nichts zu ersetzen.
Die Musikindustrie setzt da ja ganz andere Prioritäten...
Meinecke: Ja, und das Schnelle und Schnelllebige hat dann oft letztlich keine Basis. Darum habe ich mich da auch ausgeklinkt. Wir sind gerade dabei, unser Live-Doppel-Album fertigzustellen, da haben mehrere Labels angefragt und wollten das vermarkten. Aber das Album wird nur bei unseren Konzerten und über unsere Homepage erhältlich sein und eben nicht über die großen Onlinehändler. Warum soll ich meine schöne Platte über irgendeine schräge Firma verkaufen?
Das Live-Doppel-Album ist das Projekt, das Sie zurzeit in Atem hält?
Meinecke: Etwa vier Wochen noch, dann ist es fertig. Die Platte heißt übrigens „Wir waren mit dir bei Rigoletto, Boss“. Ein Filmzitat aus „Manche mögen’s heiß“. Das weist auf die angenehme Verblödung hin, die sich auf einer Tour einstellt. Man verschrullt ein bisschen.
Aber nicht auf der Bühne...
Meinecke: ...auf keinen Fall. Meine Mitmusiker Ingo York und Reinmar Henschke sind beide Multi-Instrumentalisten, und sie erzeugen eine wahre Woge von Musik. Und: Bei uns kommt nichts vom Band!
Das Interview führte LZ-Redakteurin Barbara Luetgebrune.

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