Ladendetektiv Marcel Tekolf: „Diebe werden immer dreister“

Er hat zunehmend mit Banden 
aus osteuropäischen Ländern zu tun - Mit Kameras macht er die Täter ausfindig

Axel Bürger und Marlen Grote

Symbolbild - © dpa
Symbolbild (© dpa)

Barntrup. Die 9.000 Einwohner in Barntrup und den Ortsteilen dürften ehrliche Menschen sein. Denn „in der Provinz" wird kaum geklaut. Trotzdem erwischt Detektiv Marcel Tekolf im Barntruper Marktkauf immer wieder Ladendiebe. „Es sind die Banden, die mittlerweile eine ausgeklügelte Struktur haben und in der Regel mit drei oder vier Personen kommen", sagt er.

Tekolf, der selbst in Lippe lebt, weiß, dass die Anonymität auf dem Land nicht gegeben ist. Deshalb würde ein Barntruper, der in Barntrup als Ladendieb gefasst wird, schnell namentlich in der Stadt bekannt sein. Daher gehen ihm selten Einheimische ins Netz. Tekolf: „ Es sind Banden, in der Regel aus Osteuropa, die hier auftauchen." Im Februar kam es dabei zu einer spektakulären Verfolgungsjagd. Tekolf: „Mir waren drei Männer aufgefallen. Sie hatten den Supermarkt in Fünf-Minuten-Abständen betreten und sich auffällig verhalten." Banden, so der Detektiv, arbeiten mit einer Struktur. Sie lenken die Detektive ab, nehmen recht offen teuren Alkohol aus dem Regal und stecken ihn unter die Jacke. Den stellen sie aber im Markt einfach in andere Regale. Während der Detektiv den einen verfolgt, türmt der andere mit Rasierklingen oder SD-Speicherkarten. Tekolf: „Da braucht man Erfahrung, um in den Gängen oder an den Monitoren zu erkennen, welches Spiel die Bande treibt."

Kriminelle stellen sich oft einfach dumm

Bei der jüngsten Verfolgung war auch eine Polizeistreife aus Lemgo dabei. Die drei Männer aus Georgien hatten zig Packungen Milchpulver im Kofferraum ihres Autos. Auf frischer Tat ertappen konnte Tekolf sie nicht. Gestellt wurden sie an einer Tankstelle in Barntrup, wo vermutlich eine Warenübergabe laufen sollte. Tekolf: „Solche Fälle verlaufen oft im Sand. Die Täter haben Aufenthaltserlaubnisse aus irgendwelchen Städten, auf denen steht sogar drauf, dass die Angaben zur Person nicht überprüft werden konnten. Da kommen die Anzeigen oft genug gar nicht an und die Diebe sind längst in ein anderes Bundesland weitergezogen." Das kritisiert Marktkauf-Inhaber Andi Wiele: „Ich wünsche mir, dass Staatsanwaltschaft und Polizei konsequenter gegen die Banden vorgehen."

Verdächtiger erkannt: Detektiv Marcel Tekolf macht selbst Fotos vom Monitor und gleicht sie mit seinem Archiv ab, um Wiederholungstäter besser erkennen zu können. - © Axel Bürger
Verdächtiger erkannt: Detektiv Marcel Tekolf macht selbst Fotos vom Monitor und gleicht sie mit seinem Archiv ab, um Wiederholungstäter besser erkennen zu können. (© Axel Bürger)

Kriminelle, die zuletzt im Marktkauf in Barntrup auftauchten, kommen, so Tekolf, oft aus Georgien, Rumänien oder Litauen. Viele sprächen kein Deutsch und stellten sich dumm, wenn sie erwischt würden. Manchmal werde er als Rassist beschimpft, ab und an auch bedroht. „Neulich hat einer geschrien: Mein Kumpel beißt dich gleich und der hat Hepatitis C."

Gestohlen werden neben Whiskeyflaschen oder Tabak vor allem teure Artikel, die sich weiterverkaufen lassen: Rasierklingen, Computerzubehör oder Aufsteckköpfe für Zahnbürsten. Banden, so Tekolf, hätten oft präparierte Taschen, damit die Warensicherung am Scanner Probleme bekommt. Tabak werde an der Kasse geholt und in den Umkleidekabinen dann in andere Behälter umgefüllt. Etiketten findet der Kaufhausdetektiv oft genug abgeknibbelt in allen möglichen Gängen des Warenhauses. Ab und an kommt ein Trio morgens und verteilt Ware in bestimmten Gängen, nachmittags sollen die Dinge dann von anderen Personen abgeholt werden. So werden Spuren verwischt.

Information
Ladendiebstahl

In der Statistik über die Häufigkeit des Ladendiebstahls (Fälle pro 100.000 Einwohner) hatte Bayern vor zwei Jahren mit 280 Fällen den geringsten Wert. Berlin mit 920 den höchsten. NRW lag bei 493 Fällen. 2014 wurden in ganz Deutschland 345.000 Delikte polizeilich registriert. Die Schadenshöhe wird in der Regel nach der Inventur ermittelt. Eine Einzelhandelsstudie bezifferte den Schaden 2013 auf 3,9 Milliarden Euro. Die Diebe sind überwiegend männlich.

„Wir finden regelmäßig Leerverpackungen, auch so eine Masche", sagt Tekolf. Regelmäßig wertet er die Videoaufzeichnungen aus, um den kriminellen Machenschaften auf die Spur zu kommen. Mit seinem Handy fotografiert er zudem potenzielle Täter am Monitor ab und vergleicht die Gesichter später.

Wer von ihm erwischt wird, muss eine Vertragsstrafe zahlen (100 Euro) und wird angezeigt. „Wenn hier Banden auffällig werden und ich einen Diebstahl beobachte, rufe ich sofort die Polizei." Da diese oft aus Lemgo kommen muss, reicht die Zeit bisweilen nicht, um die Diebe zu stoppen. Tekolf inspiziert immer mal wieder den Parkplatz nach verdächtigen Autos mit einem Saisonkennzeichen. Mehr als 25 Kameras, teilweise steuerbar in alle Richtungen, filmen die Gänge. Tekolf: „Die Diebe werden immer dreister und professioneller."

Polizei widerspricht Detektiv

Bandenkriminalität in Barntrup – das kann Uwe Bauer, Sprecher der Polizei in Lippe, so nicht bestätigen. „Das ist Trickdiebstahl", bewertet er die geschilderten Fälle aus dem Supermarkt im lippischen Norden. Die Trickdiebe würden zwar immer erfinderischer, aber wirkliche Bandenkriminalität könne man nur nachweisen, wenn man die Gruppen festnehme. Nur selten läge solchen Tätergruppen aber eine so organisierte Struktur zugrunde, dass man von „Banden" sprechen könne.

Dass Verdächtige einfach „laufen gelassen" werden, wenn die Personalien nicht festgestellt werden könnten, sei nicht richtig, sagt Uwe Bauer. Wer sich nicht ausweisen könne, werde erkennungsdienstlich behandelt und registriert. „Unter diesen Daten wird derjenige dann auch wiedererkannt, wenn er noch mal auffällig wird." Bestehe die Gefahr, dass sich ein Verdächtiger der Strafverfolgung entziehe, werde er in Untersuchungshaft genommen. Wenn eine Anklage nicht ankomme, werde ermittelt und der Verdächtige gegebenenfalls zur Fahndung ausgeschrieben. „Wir machen ja nicht vor Ländergrenzen halt", so Bauer.

Detektiv Marcel Tekolf sagt, die Polizei käme oft nicht schnell genug, wenn er einen Ladendiebstahl melde. Manchmal kämen die Wagen tatsächlich aus anderen Orten, etwa aus Lemgo, zu Einsätzen in Barntrup, bestätigt Bauer – je nachdem, wo die Wagen gerade seien. Dann könnte es auch mal etwas dauern, bis die Polizei eintreffe. Das hänge von der Art des Einsatzes ab: „Ein schwerer Unfall geht vor."

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