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Detmold

Obdachlose finden in der "Herberge zur Heimat“ eigene vier Wände

Detmold. Grüße zum Geburtstag, sogar aus Chicago, beweisen, dass Uwe Kiesels Leben eine Wende genommen hat. Die bunten Postkarten zeigen: Es denkt jemand an ihn. Und vor allem: Er hat jetzt eine Wand, an die er die Karten überhaupt pinnen kann, um sie zu betrachten. Denn Uwe Kiesel hat viele Jahre auf der Straße gelebt. Nun hat er endlich wieder eine eigene Wohnung.

Die „Herberge zur Heimat" hat Kiesel die Unterkunft besorgt. Es gibt Schlaf- und Wohnzimmer, eine kleine Küche, eine Waschmaschine. Die Wohnung ist eine von zehn im Neubau der „Herberge zur 
Heimat" an der Lageschen 
Straße in Detmold.

Seit zwei Jahren leben dort sieben weitere Männer und zwei Frauen – allesamt waren sie jahrelang obdachlos. Nun haben sie eine Wohnung und einen gemeinsamen kleinen Garten, sogar einen umlaufenden Balkon, wo sie sich treffen können, aber nicht müssen. Kiesel findet das gut. Wenn er Kontakt haben will, dann findet sich schon jemand. Und die Sozialarbeiterinnen Claudia Groß und Susan Hildebrand schauen täglich „nach ihren Leuten" – begleiten sie zu Behörden, zum Arzt oder zum Einkaufen und helfen bei Geldfragen.

„Das sind keine großen Sachen. Die Leute wollen ihre Ruhe", sagt Susan Hildebrand. Uwe Kiesel nickt. Doch bevor er seine neue Wohnung beziehen durfte, hat der 61-Jährige vieles erlebt. „Ich war in ganz Europa unterwegs. Ich habe bei jedem Wetter Platte gemacht. Auch bei Minusgraden." Er erzählt von einer Rangordnung unter Obdachlosen, von Tricks, um an Wäschegutscheine zu kommen, von der Selbstachtung, regelmäßig zu duschen, von kalten Nächten. Seine Augen blitzen. Er ist stolz. Denn: „Das hier – es gibt nix besseres. Man muss keine Angst haben, dass sie einen rausschmeißen."

Kiesel war viele Jahre obdachlos, ehe die Diakonie in Wesel ihn 2011 erdete. Warum? Da ist diese Biografie voller Brüche: Missbrauch spielt eine Rolle, eine schwierige Jugend, dann 30 (!) Jahre in der Psychiatrie, wo er eine Bäcker- und Konditorlehre macht, aber später keinen Job findet – weil er ja in der Klinik gelernt hat, das macht sich nicht so gut. Ein Schlaganfall, Zeiten hinter Gittern spielen eine Rolle in diesem Leben, obendrauf ein Herzinfarkt.

Über die Diakonie Wesel landet Uwe Kiesel in Detmold, zuerst in der Mühlenstraße, jetzt in den eigenen vier Wänden. Es gehe ihm gut, trotz Diabetes, trotz der Beschwernisse mit dem Rollator. „Ich habe doch viel erreicht. Jeder muss selbst was draus machen, wenn er in die Mühlenstraße kommt. Ich habe sofort zugesagt, als sie mich gefragt habe, ob ich hierhin will." Einmal im Monat besucht ihn sein Betreuer aus Vlotho; von ihm sind die Urlaubskarten. „Das ist doch toll, er denkt sogar in Amerika an mich."

Das Konzept
Die „Herberge zur Heimat" hilft Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten. Sie bietet unter anderem ambulant betreutes Wohnen oder Trainingsappartements zur Wiedereingliederung von Haftentlassenen (gemeinsam mit der Landeskirche, der JVA und dem Freundeskreis Gefängnisseelsorge) an, betreibt die Stadtküche in Detmold und leistet Flüchtlingsarbeit sowie Streetwork.

„Das Besondere am Haus in der Lageschen Straße ist, dass es kein eingrenzendes Konzept gibt", betont Matthias Neuper, der Leiter der „Herberge zur Heimat". An allererster Stelle stehe, Wohnraum für die Männer und Frauen zu schaffen. Sie werden nach ihrem aktuellen Bedarf individuell unterstützt.

Kommentar: Antwort auf uralte Fragen
Von Martin Hostert
Die Männer und Frauen, die in der „Herberge zur Heimat" gelandet sind, sind dort, weil irgendwann in ihrem Leben etwas arg schiefgelaufen ist. Die Menschen weisen Biografien auf, die sich die allermeisten von uns gar nicht vorstellen können. Ihre Lebensläufe sind im Zeitungsbericht nur unzulänglich darzustellen. Aber eines wird deutlich: Sie zeigen, wie schnell es gehen kann, aus gewohnten Bahnen geworfen zu werden – durch schwere Krankheiten, den Verlust der Arbeit, private Schicksalsschläge.

Es ist jedoch letztlich irrelevant, in diesen Biografien nach Gründen für Obdachlosigkeit und Alkoholmissbrauch, nach Antworten auf eine Schuldfrage zu suchen, ein „hätte, wäre, könnte" weiterzudenken. Unterm Strich ist es allein wichtig, dass die Menschen unterstützt werden. Die „Herberge zur Heimat" hilft seit Jahrzehnten mit Unterkunft und Mittagstisch, jetzt auch mit dem Wohnangebot.

Die ehemaligen Obdachlosen dürfen stolz darauf sein, nach Jahrzehnten auf der Straße ein Zuhause gefunden zu haben – und sie sind es. Hier können sie in Würde leben und haben ihre Ruhe. Darum ist das Engagement dieser mehr als 130 Jahre alten Diakonischen Einrichtung „Herberge zur Heimat" gar nicht genug zu würdigen. Und – das Angebot ist durchaus eine Antwort auf die zeitlosen Fragen eines berühmten obdachlosen jungen Paares, das vor mehr als 2000 Jahren wohnungssuchend übers Land zog.

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