Detmold. Vermummt mit Kapuzenpullover hat ein 21-Jähriger vor einer Fahne des „Islamischen Staates“ (IS) posiert und das Bild kurz nach den Anschlägen auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ am 7. Januar in den sozialen Medien gepostet. Vor wenigen Tagen ist der Schüler nun vom Amtsgericht Detmold nach Jugendrecht wegen Verstoßes gegen das Vereinsgesetz zu einem Dauerarrest von einer Woche und 70 Arbeitsstunden verurteilt worden.
„Es war eine Dummheit“, sagte der Schüler, der mit Eltern und Geschwistern 2002 von Tschetschenien nach Lippe geflohen war und jetzt an seinem Fachabitur sitzt. Aus Langeweile und verletzten religiösen Gefühlen habe er nicht nur Fotos ins Internet gestellt, sondern sich auch als Mitarbeiter des Salafisten Pierre Vogel, der vom Verfassungsschutz beobachtet wird, ausgegeben. Zudem räumte er ein, dass er die Solidaritätsbekundungen nach den Anschlägen von Paris („Je suis Charlie“) in „Je suis Muslim“ geändert habe. „Ich bin gläubiger Muslim, gehe regelmäßig in die Moschee und fühle mich durch die Mohammed-Karikaturen verletzt“, betonte der 21-Jährige, der noch im elterlichen Haushalt lebt.
Nach weiteren Hass-Posts hatten ihn die Ermittler im Visier. Bei einer Hausdurchsuchung im Juli fand die Polizei auf seinem Computer weitere IS-Fotos. Nach diesem „einschneidendem Erlebnis“ habe er angefangen den IS kritischer zu hinterfragen. Als die Zahl der „IS-Mordvideos“ im Netz immer weiter gestiegen sei, habe er jegliche Sympathie für die Organisation verloren. „Das sind alles Verbrecher“, sagte der Angeklagte. Er wolle sich künftig auf die Schule konzentrieren und ein straffreies Leben führen.
Jugendrichtern Dr. Laura Linke nahm ihm die „Dummheits-Masche“ nicht ab. „Sie sind eine kluger Mann und wussten, was sie tun“, betonte die Richterin. Der Dauerarrest und die Arbeitsstunden seien ein deutliches Signal. Sie hoffe, dass die Umkehr aus dem IS-Sympathiesantenkreis dauerhaft sei.
Darüber würde sich der NRW-Verfassungsschutz freuen, der mit dem Präventionsprojekt Wegweiser den radikalen Islamisten einen Ausstieg aus der Szene ermöglichen will, wie Sprecher Jörg Rademacher sagte. Das Projekt setze auf einen Dreiklang aus Repression, Prävention und Ausstiegshilfe und werde landesweit seit mehr als einem Jahr erfolgreich eingesetzt. „Da können sich Angehörige, Freunde und Lehrer melden, die eine religiöse Radikalisierung bei Jugendlichen beobachten“, so Rademacher.
Der NRW-Verfassungsschutz habe derzeit 2250 Salafisten im Visier – hauptsächlich Männer im Alter von 18 bis 30 Jahren. „Viele fühlen sich ausgeschlossen, sind in einer Lebenskrise und fallen auf die Propaganda herein“, erklärte Rademacher. OWL sei keine Salafisten-Hochburg, doch auch hier gebe es Gefährder-Ansprachen. Dabei suchen die Polizisten das offene Gespräch mit den Verdächtigen. Doch das Land wolle nicht nur durch Ansprachen vorbeugen, sondern in den kommenden drei Jahren 360 weitere Beamte zur Terrorabwehr einstellen.
Infos unter www.mik.nrw.de