Heiko Dross hilft Flüchtlingen im Mittelmeer

Lemgoer verbringt seinen Urlaub auf einem Schiff der Organisation Sea-Eye

Moritz Schneider

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Heiko Dross, im Hintergrund sind die beiden Schiffe von Sea-Eye zu sehen. - © Moritz Schneider
Heiko Dross, im Hintergrund sind die beiden Schiffe von Sea-Eye zu sehen. (© Moritz Schneider)

Lemgo. Ab dem 26. Oktober wird Heiko Dross auf dem Mittelmeer als Seenotretter tätig. Für die Mission hat er sich Urlaub genommen. Er wird auf dem Rettungsschiff „Sea-Eye", der gemeinnützigen Organisation Sea-Eye mitfahren. Diese hat sich die Rettung von Schiffbrüchigen und Flüchtlingen auf die Fahnen geschrieben. Die freiwilligen Helfer fliegen auf eigene Kosten ans Mittelmeer und verteilen ohne Bezahlung Schwimmwesten und Wasser an Schiffbrüchige und leisten Erste Hilfe. 2016 haben sie so 5.568 Menschen im Mittelmeer das Leben gerettet.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, sich als Seenotretter auf dem Mittelmeer zu betätigen?

„Ich weiß gar nicht, wann ich das erste Mal davon gehört habe. Ich bin schon immer gerne auf dem Wasser unterwegs gewesen, im Normalfall aber eher mit Traditionsschiffen. Die Überlegung mal wieder aufs Wasser zu gehen war schon länger da. Dann habe ich einen Fernsehbericht über Seenotrettung im Mittelmeer gesehen und habe ich mich im Internet schlau gemacht. Dort bin ich auf Sea-Eye gestoßen."

Und warum haben Sie sich dann schlussendlich für diese Organisation entschieden?

„Der relativ kurze Zeitraum der Mission von zwei Wochen passte gut, da ich das ja im Rahmen meines Urlaubes leiste. Bei vielen anderen Organisationen dauern die Engagements länger. Im Juni war ich dann bei einem Crew-Training in Regensburg. Ich bin auch Mitglied in der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger insofern hatte ich schon immer etwas mit der Thematik zu tun. Reden kann man immer viel, man muss dann irgendwann auch mal handeln."

Welche Funktion werden Sie dann auf dem Schiff einnehmen?

„Ich werde dort als einer von drei Wachgängern tätig sein. Außerdem habe ich einen Sportbootführerschein und die entsprechenden Funkzertifikate, die dort sicherlich nützlich sein werden."

Am 26. Oktober laufen Sie aus dem Hafen von Malta aus. Wie stellen Sie sich den Ablauf der Mission vor? Was wünschen Sie sich?

„Ich hoffe, dass wir keine Toten bergen müssen und ansonsten müssen wir abwarten. Die Situation vor Ort hat sich ja verändert, seitdem eine der libyschen Milizen, die sich Küstenwache nennen eine sogenannte SAR-Zone (Such und Rettungs-Zone: Gebiet, in dem die lybische Regierung selber Schiffbrüchige rettet. Hier reicht sie jedoch bis weit in internationale Gewässer hinein, in denen die Freiheit der Schifffahrt gilt. Anm. d. Red.) ausgerufen hat. Diese hat aber herzlich wenig mit einer echten SAR-Zone zu tun. Libyen hat zwar normalerweise auch eine SAR-Zone, hatte sich bisher aber nicht selber darum gekümmert, deswegen ist das immer von Italien und Malta mit übernommen worden. Die libysche Küstenwache hat nun aber verboten, dass die NGOs (Nicht-Regierungs Organisationen, Anm. d. Red.) in diese Zone fahren dürfen. Es hat auch schon Schüsse gegeben. Seit dieser Eskalation fährt Sea-Eye nicht mehr in die Zone ein. Es sei denn, dass MRCC in Rom (Seenotleitzentrale der italienischen Küstenwache, Anm. d. Red.) meldet einen offiziellen Seenotfall und bestellt Sea-Eye dorthin."

Was gibt Ihnen das für ein Gefühl, wenn sie wissen, dass es dort Leute gibt, die den NGOs feindlich gegenüber stehen, die womöglich angreifen könnten?

„Das kann durchaus problematisch werden, aber im Normalfall bleiben wir ja außerhalb der Zone. Es ist ja auch Frontex (europäische Grenz- und Küstenwachenagentur, Anm. d. Red.) reichlich vor Ort, deshalb ist das Risiko schon relativ gering. Solange wir nur in die Zone fahren, wenn uns das MRCC dort hingesandt hat, wird sich wohl niemand gegen uns und das europäische Militär in Form von Frontex stellen."

Immerhin wurde ja aber schon einmal ein Speedboat der Organisation von der Küstenwache beschlagnahmt. Wie wurde das begründet?

„Offiziell wurde nur gesagt, dass es beschlagnahmt ist, ohne weitere Begründung. Die Besatzung war dann ja auch ein paar Tage mehr oder weniger in Geiselhaft, kamen dann aber wieder frei"

Was sagen Sie denn zu den Vorwürfen, dass die NGOs mit den Schleusern zusammenarbeiten würden?

„Das ist im Prinzip der gleiche Vorwurf, als wenn man der Feuerwehr sagen würde, dass sie mit Leuten, die betrunken einen Unfall bauen befreundet wären, weil sie sie aus dem Auto schneiden. Das Risiko auf dem Mittelmeer während der Flucht zu sterben beträgt nach aktuellen Statistiken 1 zu 53. Das Risiko muss also da wo die Menschen herkommen wesentlich höher sein, damit sie sich auf dieses Wagnis einlassen. Oder sie wissen garnicht welches Risiko sie auf sich nehmen. Den Schleusern sind die Menschen völlig egal, denen geht es nur um das Geld."

Wie bewerten sie vor diesem Hintergrund die Gesamtsituation auf dem Mittelmeer?

„Es wäre wünschenswert, wenn die NGOs das gar nicht machen müssten. Die EU fährt da, überspitzt gesagt, im Moment eher die Taktik: Wir versuchen es mal mit Abschreckung, indem wir mehr Menschen ertrinken lassen. Was das allerdings mit Menschenrechten zu tun hat, erschließt sich mir nicht wirklich. Es ist traurig, dass das so privat organisiert werden muss und die EU das nicht auf die Reihe kriegt. Die Kosten dafür sind ja nur ein Bruchteil dessen, was in den letzten Jahren z.B. für Bankenrettungen ausgegeben wurde. Mittelfristig ist meiner Meinung nach der einzige Weg, die Fluchtursachen wirklich zu bekämpfen, nur sehe ich im Moment sehr wenig Ansätze in der Politik, diese wirklich zu bekämpfen."

Das Gespräch führte LZ-Mitarbeiter Moritz Schneider.

Information
Persönlich

Heiko Dross ist 46 Jahre alt und System- und Netzwerkadministrator in einem mittelständischen Unternehmen. Außerdem ist er Schatzmeister der Piratenpartei Lippe und einer der Initiatoren der Lemgoer Computertruhe.

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