Heimatforscher vermutet auf Leopoldshöher Gebiet Reste einer Femlinde

Unter dem Baum tagte das Gericht

Thorsten Engelhardt

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Werner Höltke zeigt ein Foto der Linde, das vor dem Ersten Weltkrieg gemacht worden ist. Hinter ihm liegen die Reste des einst mächtigen Baumes. - © Dohna
Werner Höltke zeigt ein Foto der Linde, das vor dem Ersten Weltkrieg gemacht worden ist. Hinter ihm liegen die Reste des einst mächtigen Baumes. (© Dohna)

Leopoldshöhe. Werner Höltke ist sich sicher: Die Linde, die seit dem Winter zerbrochen auf der Großen Egge liegt, ist eine Femlinde. Ein Baum, unter dem vor Jahrhunderten Recht gesprochen wurde.

Damals gehörten Asemissen, Bechterdissen, Greste, Leopoldshöhe, Schuckenbaum und Krentrup zum Kirchspiel Oerlinghausen. Ein Foto, das kurz vor dem ersten Weltkrieg entstanden ist, zeigt die Linde in voller Pracht, hoch aufragend, mit viel Platz unter den Zweigen. Offenbar gab es in unmittelbarer Nähe keine Bäume. Das passt zur Darstellung eines guten Thingplatzes im „Reallexikon der germanischen Altertumskunde“. 

Information
Femegerichte

Dem Wort Femegericht hängt heute eine schaurige Note an. Dabei bedeutete Feme im mittelalterlichen Deutsch so viel wie Genossenschaft oder Zunft. Es ist also ein Gericht, das Recht innerhalb einer geschlossenen gesellschaftlichen Gruppe spricht. Die westfälischen Femegerichte beanspruchten mit der Zeit eine weit über Westfalen hinaus reichende Geltung. Ihre Entstehung fällt zeitlich mit der Forderung des Erzbischofs von Köln als Herzog von Westfalen zusammen, die Gografen (Richter) zwischen Rhein und Weser selbst und nicht mehr durch den König einsetzen zu lassen. Dem Femegericht ähnlich sind die Gaugerichte. Sie sprachen im sächsischen Siedlungsgebiet, zu dem auch Westfalen gehörte, Recht über Adelige.

Die Germanen der vorfränkischen Zeit versammelten sich gern an Orten mit freiem Blick in die Landschaft. Das trifft auf die Große Egge zu. Auf diesen Plätzen ließen die Verantwortlichen oft Bäume pflanzen, um mehr Schutz vor den Unbilden des Wetters zu haben. Linden nahmen sie besonders gern, weil sie angeblich gut vor Blitzen schützen sollten. Heute weiß man, dass das nicht so ist. Mit Karl dem Großen verloren die Things den Charakter der Volksversammlung. Gerichte blieben sie.

Die Weisung Karls, die Versammlungen nur noch in festen Häusern abzuhalten, ignorierten die Westfalen weitgehend. Im 14. Jahrhundert werden in einem Dokument Kaiser Ludwigs des Bayern erstmals Femegerichte als westfälische Tradition erwähnt. Sie sprachen allerdings nur Recht über Freie und Adelige und auch nur bei Kapitalverbrechen. Den einfachen, unfreien Leuten blieb die niedere Gerichtsbarkeit, die noch über viele Jahrhunderte unter den Gerichtslinden tagte.

Werner Höltke hat herausgefunden, welches Recht damals unter der Linde gesprochen worden ist: „Kleinere Vergehen wie Diebstähle. Richter war der Frone des Gutes Barkhausen.“ Der Frone war ein Beamter des Herrschaft Barkhausen, in seiner Funktion dem Vogt ähnlich. Bis etwa 1580 habe das Gut den Richter gestellt. „Das galt so lange, bis die Vogtei nach Oerlinghausen verlegt wurde.“ Noch heute gehören Teile der Großen Egge zum Gut Barkhausen.

Höltke vermutet, dass der gefallene Baum ein Trieb seines Vorgänger ist. Aus den Wurzeln des gefallenen Baumes sind schon längst wieder neue Triebe gewachsen.

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