Streit um Freitagsgebet eines muslimischen Oberstufenschülers

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Mit offenen Handflächen: Ein Muslim wendet sich während des traditionellen Freitagsgebets an Allah. - © dpa
Mit offenen Handflächen: Ein Muslim wendet sich während des traditionellen Freitagsgebets an Allah. (© dpa)

Herford. Seit Dezember verlässt ein muslimischer Schüler der Gesamtschule Friedenstal in Herford jeden Freitagmittag den Unterricht für 15 Minuten, um in der Schule zu beten. Bei Lehrern und Schülern, insbesondere bei den jesidischen Kurden innerhalb der Schülerschaft, sorgt das wöchentliche Freitagsgebet des Elftklässlers für Irritationen und Verärgerung, sie sehen den Schulfrieden gefährdet.

Nach Informationen dieser Zeitung ist der Vater des betenden Schülers, der aus dem Kosovo stammt und seit 28 Jahren in Deutschland lebt, Teil der salafistischen Szene in Herford und besucht die arabische Assalam-Moschee, die in der Vergangenheit eine entscheidende Rolle in der radikalen Herforder Salafistenszene gespielt hat.

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Das Wichtigste

Das Freitagsgebet ist für viele Muslime das wichtigste Gebet der Woche und wird zu bestimmten Zeiten abgehalten. Innerhalb einiger Strömungen des Islams ist das Gebet für Männer und Jungen ab der Pubertät verpflichtend.

Im Kollegium der Gesamtschule Friedenstal ist das Verhalten der Familie bereits mehrfach thematisiert worden, weil der Vater Frauen – auch den Lehrerinnen seines Sohnes – den Handschlag verweigert und die Mutter, eine deutsche Konvertitin, wiederum Männern nicht die Hand gibt. Auch nicht bei Elternsprechtagen oder anderen Treffen in der Gesamtschule. Auch der Wunsch der Familie, einen Gebetsraum in der Schule einzurichten, sorgte für Irritationen.

Für das Freitagsgebet in der Schule soll der Elftklässer nach Informationen dieser Zeitung bereits vor Weihnachten eine Erlaubnis erhalten haben. Davon gehen mehrere Lehrer der Gesamtschule Friedenstal aus. Schulleiterin Heike Schmitz-Ibeling bezeichnet dies aber als Falschmeldung.

„Der Schüler hat mich darum gebeten, den Unterricht freitags zum Beten verlassen zu dürfen. Das habe ich abgelehnt, er hat keine Erlaubnis erhalten", erklärt sie. Ob der Schüler tatsächlich jeden Freitag den Unterricht verlässt, um in der Schule zu beten, kann Schmitz-Ibeling weder bestätigen noch verneinen. „Wenn er das tut, dann nicht mit Zustimmung der Schulleitung."

Die Schulaufsicht der Gesamtschule, die Bezirksregierung Detmold, bestätigt, dass die Schule dem Elftklässer keine Erlaubnis dafür gegeben hat, den Unterricht für ein Gebet zu verlassen. „Der Schüler hat eine Anfrage gestellt und die Schule hat ihre Rechtsauffassung mit der Bezirksregierung im Zuge einer Rechtsberatung abgeglichen. Die Schule hat dem Schüler keine Erlaubnis erteilt, den Unterricht zu verlassen", erklärt der Sprecher der Bezirksregierung, Andreas Moseke. Grundsätzlich entscheiden Schulen eigenständig, ob ein Schüler von einzelnen Unterrichtseinheiten befreit werden kann, ergänzt Moseke.

Schulleitungen seien zudem grundsätzlich gehalten, einen Kompromiss zu finden, der den Schulfrieden gewährleiste und die Ausübung individueller Rechte nicht gravierend einschränke. Bei Themen wie der freien Religionsausübung handle es sich um Einzelfallentscheidungen.

2011 hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entschieden, dass ein muslimischer Gymnasiast aus Berlin nicht in der Schule beten darf, weil das den Schulfrieden gefährden könnte. Nach einem mehrjährigem Streit wies das Bundesverwaltungsgericht im November 2011 die Klage des Gymnasiasten zurück.

Begründung: Er müsse die Einschränkung seiner Glaubensfreiheit hinnehmen, weil durch die öffentlichen Ritualgebete der Schulfrieden gestört werde. Die Richter erklärten jedoch, dass es sich bei dem Urteil um eine Einzelfallentscheidung handelt, die nicht grundsätzlich ausschließt, dass an anderen Schulen öffentlich gebetet werden darf. „Die Schule muss sehen, ob es wirklich zur Wahrung des Schulfriedens nötig ist, die Glaubensfreiheit einzuschränken", erklärte damals der Vorsitzende Richter Werner Neumann.

Das Gericht berücksichtigte bei der Entscheidung die besondere Situation des Berliner Gymnasiums, dessen Schülern fünf Religionen angehören. Dies habe in der Vergangenheit zu Konflikten geführt und die Schulleitung musste einschreiten (Az.: BVerwG 6 C 20.10).

Salafismus

Salafismus gilt als eine ultrakonservative Strömung des Islams. In Deutschland folgt ein Teil der Salafisten einer gewaltbereiten dschihadistischen Ideologie, die laut Verfassungsschutz mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung unvereinbar ist.

Der Verfassungsschutz kommt zu dem Schluss, dass das von Salafisten verbreitete Gedankengut den Nährboden für eine islamistische Radikalisierung bildet und dass fast alle in Deutschland identifizierten terroristischen Netzwerkstrukturen salafistisch geprägt sind.

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