Nur noch wenige Menschen verstehen Plattdeutsch

Joachim Göres

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Lehrerin Nele Ohlsen unterrichtet in der Grundschule in Wallhöfen (Niedersachsen) auf Plattdeutsch und schreibt das Wort "Aftellen" "Abzählen" an die Tafel. - © picture alliance / Carmen Jaspersen/dpa
Lehrerin Nele Ohlsen unterrichtet in der Grundschule in Wallhöfen (Niedersachsen) auf Plattdeutsch und schreibt das Wort "Aftellen" "Abzählen" an die Tafel. (© picture alliance / Carmen Jaspersen/dpa)

Spenge/Hannover. Plattdeutsch - da denken viele an den hohen Norden. Tatsächlich ist das Niederdeutsche bis heute in Ostfriesland, Nordfriesland und Schleswig am meisten verbreitet, doch auch in NRW gibt es niederdeutsche Dialekte wie münsterländisch, ostwestfälisch oder südwestfälisch. Wer versteht sie heute noch, wer spricht sie - damit beschäftigen sich Studien, die auf der Jahresversammlung des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung in Hannover vorgestellt wurden.

Das Mannheimer Institut für Deutsche Sprache hat 1.600 Menschen ab 16 Jahren in den norddeutschen Bundesländern sowie in Teilen von Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg im vergangenen Jahr befragen lassen, wie sie ihre Kenntnisse des Plattdeutschen einschätzen. Danach verstehen 20,9 Prozent sehr gut und 26,9 Prozent gut Platt, 7,8 Prozent verstehen kein Wort. Beim Sprechen sieht es anders aus: 6,2 Prozent halten sich für sehr gute Plattsprecher, 9,5 Prozent bezeichnen ihre aktiven Kenntnisse als gut, 42,2 sprechen kein Platt.

In NRW wurden 278 Menschen im nördlichen Teil befragt. Beim Verstehen gibt es weniger positive Selbsteinschätzungen als im bundesdeutschen Schnitt (sehr gut: 17,1 Prozent, gut: 25,7 Prozent, kein Wort: 8,8 Prozent), ebenso beim Sprechen (sehr gut: 5,2 Prozent, gut: 6,6 Prozent).

Die große Mehrheit sagt von sich, dass sie nur einige Wörter (33 Prozent) oder kein Platt spricht (42,5 Prozent). In den Regionen Warendorf, Steinfurt und Borken/Coesfeld ist die Sprechkompetenz etwas höher als in den Räumen Bielefeld/Lippe/Gütersloh, Münster, Höxter/Paderborn und Herford/Minden-Lübbecke.

"Die Werte sind bundesweit im Vergleich zur letzten Studie von 2007 erfreulich stabil. Es gibt aber eine markante Altersverteilung", sagt der Mannheimer Projektleiter Albrecht Plewnia. Damit meint er, dass mehr als die Hälfte der über 80-Jährigen gut oder sehr gut Platt spricht, bei den unter 40-Jährigen aber nicht mal mehr zehn Prozent. Außer dem Alter spielt der Wohnort eine Rolle - auf dem Dorf ist Platt verbreiteter als in der Stadt.

An dieser Erkenntnis setzt ein Projekt an, an dem die Universität Paderborn beteiligt ist und das von der nordrhein-westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste gefördert wird. Bis 2025 sollen in mehr als 1.000 Dörfern in NRW in rund 3.000 Interviews Dialekte wie Ruhrdeutsch, Westfälisch oder Niederfränkisch als "standardfernste Sprechweisen" erfasst werden.

Dazu werden aus einem Ort immer ein Mann und eine Frau interviewt, die in ihrem Dialekt Fragen wie "Bitte zählen Sie alle Wochentage auf" beantworten sollen - eine von 800 Fragen, die jeder Interviewte gestellt bekommt. Auch Redewendungen und Schimpfwörter sollen berücksichtigt werden. Ziel ist ein Dialektatlas, der die Unterschiede u. a. in der Wortbildung, der Grammatik und bei den benutzten Lauten von Region zu Region dokumentieren soll.

Auf die Aufforderung "Nennen Sie das Gegenteil von schlecht" bekamen die Forscher in Spenge "geut" zu hören, in Sende "gaut". "Bislang haben wir in 31 Orten Erhebungen durchgeführt und ich bin erstaunt, dass die Antworten bislang den Erwartungen entsprechen", sagt Doris Tophinke, Professorin für Linguistik an der Uni Paderborn.

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