Lost Places: Auf den Spuren verlassener Orte in OWL

Carolin Brokmann

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Der Technikraum des verlassenen Klinikums in Dissen. - © Carolin Brokmann
Der Technikraum des verlassenen Klinikums in Dissen. (© Carolin Brokmann)

Ostwestfalen-Lippe. Die Gläser stehen im Schrank, auf dem Bett steht eine kleine Flasche Sekt, noch original verpackt. Wer das Bordell in Blomberg betritt, weiß zwar, dass es seit Jahren verlassen ist. Doch es zeigt sich ein Bild, als seien die letzten Besucher gerade erst gegangen. Verlassene Orten wie diesen gibt es viele. Und sie zu entdecken, erfreut sich einer immer größeren Anhängerschaft. Doch nicht alles ist erlaubt.

"Urban Exploring", kurz "Urbexing", nennt sich das Entdecken verlassener Orte. Die Mitglieder tauchen ein in eine längst vergangene Zeit. So wie Paul D. (Name von der Redaktion geändert). "Grundsätzlich haben mich verlassene Orte immer angezogen." Aber eigentlich sei er mehr durch Zufall auf die Gemeinschaft gestoßen. Nach einem Urlaub habe er sich mit anderen Reisenden ausgetauscht, die einen alten Bunker besucht hatten. Daraufhin wurde er neugierig: "Ich wollte unbedingt rausfinden, wo dieser Ort ist und ob wir während der Reise nicht ganz in der Nähe gewesen waren." Er recherchierte im Internet und stieß auf die "Urbexer". "Mir war bis dahin gar nicht bewusst, dass es Menschen gibt die sich gezielt mit solchen Orten auseinandersetzen."

Jeder Ort hat seinen speziellen Charme

Egal ob Online-Plattformen oder Soziale Netzwerke, die Mitglieder der Gemeinschaft tauschen sich aus, teilen Adressen und Fotos der Orte miteinander. Teilweise werden die "Lost Places" extra für Fotoshootings gesucht, lässt sich den Gruppen entnehmen. Und auch in Ostwestfalen-Lippe und Umgebung gibt es verlassenen Orte, die aus "Urbexer"-Sicht einen Besuch wert sind. Etwa eine verlassene Klinik für psychisch Kranke in Bielefeld, ein verlassenes Bordell in Blomberg oder ein ehemaliges Krankenhaus in Dissen.

Als ob jeden Moment ein Freier herein käme: Ein verlassener Nachtclub in Blomberg - © Carolin Brokmann
Als ob jeden Moment ein Freier herein käme: Ein verlassener Nachtclub in Blomberg (© Carolin Brokmann)

Auch bei Paul war die Neugier geweckt ,"und ich habe nach "Lost Places" in der Nähe gesucht." Jeder Platz habe seinen eigenen Charme, "mal ist das die morbide Anmutung eines verlassenen Krankenhauses, ein anderes mal der Hauch der Vergangenheit, die man fast noch greifen kann - obwohl der Kalender an der Wand das Jahr 1996 zeigt", erzählt Paul. Hinzu komme auch, einen solchen Ort zu finden und dann zu erkunden.

"Mach nichts kaputt und hab Spaß"

Doch auch unter diesen neugierigen Besuchern verlassener Orte gibt es klare Regeln: "Nimm nichts mit. Verstelle einige Dinge für gute Fotos und leg sie dann wieder zurück. Mach nichts kaputt und hab Spaß", bringt es ein Mitglied der Community auf den Punkt. "Man darf natürlich nie vergessen, dass der Besuch der meisten "Lost Places" nicht legal ist", ergänzt Paul. Denn nur, weil ein Ort verlassen und heruntergekommen aussieht, heißt das nicht, dass er niemandem gehört. Viele Plätze würden durch Wachschutz und oder Kameraanlagen überwacht und im schlimmsten Fall droht eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs.

Die Rechtslage ist umstritten

Das weiß auch die Bielefelder Rechtsanwältin Christina Lang. "Die Strafbarkeit von sogenanntem Urban Exploring ist hoch umstritten", sagt sie. Nach herrschender Ansicht der Rechtsprechung sei das Betreten von scheinbar verlassenen Grundstücken oder Gebäuden durchaus wegen Hausfriedensbruchs strafbar. Hiernach genügt es laut Gesetz, wenn jemand das „befriedete Besitztum" eines anderen ohne Erlaubnis betritt. "Nach einigen Entscheidungen sind selbst leer stehende Wohnungen oder zum Abbruch bestimmte Häuser hiervon erfasst."

Letztendlich sei sie zwar der Ansicht, dass sich solche Verfahren mit guten Argumenten einstellen lassen, "das Risiko, dass der Hauseigentümer eine Anzeige erstattet, besteht trotzdem." Sollten solche Verfahren wider Erwarten vor Gericht landen, drohe bei erstmaliger Begehung eine kleine Geldstrafe. Dagegen dürfte das Fotografieren der Fassade der Gebäude straflos sein.

Industriedenkmal und verlassener Schießstand

Wer einen verlassenen Ort nicht nur von außen auf legalem Weg entdecken möchte, dem bietet sich die ehemalige Kokerei Hansa in Dortmund an. 1992 stillgelegt, befindet sich Hansa heute in der Obhut der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur und gewährt Einblicke in eine vergangene Industrieepoche. Aber auch im Rhedaer Forst bei Gütersloh lässt sich ein verlassener Ort entdecken: Ein alter Schießstand aus dem Zweiten Weltkrieg. Mit Graffitis besprüht, bietet er nun wohl Fledermäusen Unterschlupf oder dient als Fotomotiv.

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