Interview: Dr. David Motadel über die Rolle des Islams für das Dritte Reich

"Hitler lobte den Islam"

Jana Beckmann

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David Motadel
David Motadel

Detmold. Heute wird der Islam vielfach als Gefahr betrachtet, früher wollten Deutsche sich ihn dagegen zu Nutze machen. Die Nationalsozialisten suchten Allianzen, tausende Muslime kämpften in Wehrmacht und SS. Das hat der aus Detmold stammende Historiker Dr. David Motadel erforscht.

Seine Dissertation „Islam and Nazi Germany’s War“ ist gerade in Buchform erschienen und mit dem Fraenkel-Preis ausgezeichnet worden. Im LZ-Interview schildert der gebürtige Detmolder, der als Wissenschaftler in Cambridge (England) arbeitet, warum die Verbindung von Drittem Reich und Islam entstand, warum der „Islamische Staat“ keine Neuheit ist und was das Ausland zu Pegida sagt.

Herr Motadel, Nationalsozialismus und Islam - wie passt das zusammen?

Dr. David Motadel: Die deutschen Truppen waren in vielen Ländern, in denen sie kämpften, mit islamischen Bevölkerungen konfrontiert – von der Sahara über Balkan und Krim bis zum Kaukasus. 1941/42 verschlechterte sich die militärische Situation. Die Strategie des Blitzkriegs war in der Sowjetunion gescheitert. Die deutschen Truppen waren unter Druck. Berlin bemühte sich daher, aus kurzfristigem Kalkül heraus, größere Allianzen zu bilden. Die Gewinnung muslimischer Verbündeter durch eine Islampolitik schien eine Möglichkeit zu sein.

Und wie sah diese konkret aus?

Motadel: Die deutsche Propaganda versuchte, das Dritte Reich als Schutzherrn des Islam zu präsentieren und stellte die Alliierten als Feinde des Islam dar. Religiöse Führer, etwa aus Nordafrika oder vom Balkan, wurden angeworben. Auf der Krim oder im Kaukasus, wo Stalin die Religion brutal unterdrückt hatte, bauten die deutschen Besatzer Moscheen und Koranschulen wieder auf. Solch eine Politik war auch möglich, weil viele führende Nazis ein positives Islambild hatten. Hitler lobte ihn als militante, kämpferische und pragmatische Weltsicht.

War die Islampolitik erfolgreich?

Motadel: In Nordafrika war es schwer, muslimische Verbündete zu gewinnen. Die Bevölkerung dort lebte unter der verhassten Kolonialherrschaft von Vichy und Mussolini, beide Verbündete Hitlers. In der Sowjetunion sah dies beispielsweise schon anders aus. Dort ließen sich viele Menschen gewinnen. Eine pauschale Aussage über die Rezeption lässt sich jedoch nicht machen, immerhin gab es zwischen den Muslimen große Unterschiede. Deutsche Truppen waren auch mit muslimischen Roma und Juden, die zum Islam konvertiert waren, konfrontiert. Die islamische Welt war nicht ein Block, auch wenn sie von deutschen Geopolitikern gerne als ein Raum wahrgenommen wurde.

Dennoch wurden tausende Muslime rekrutiert...

Motadel: Das stimmt. Zehntausende Muslime kämpften in der Wehrmacht und SS. Sie wurden an allen Fronten eingesetzt, von Stalingrad bis Berlin. Allerdings hatten die meisten von ihnen keine religiösen Motive. Viele wurden in Kriegsgefangenenlagern rekrutiert; denen ging es darum, Hunger und Seuchen zu entkommen. Auf dem Balkan oder auf der Krim gab es viele, die ihre Familien auf diese Weise vor Partisanen schützen wollten. Viele dieser muslimischen Soldaten kämpften am Ende des Kriegs in Deutschland, blieben und gründeten in den späten 40ern und frühen 50ern die ersten muslimischen Gemeinden der Bundesrepublik. Insgesamt gesehen haben aber mehr Muslime für die Alliierten gekämpft, vor allem in den Kolonialtruppen der Briten und Franzosen.

Die Europäer hatten also großen Einfluss in der islamischen Welt?

Motadel: Seit dem 19. Jahrhundert war ein Großteil der islamischen Welt von Europäern beherrscht, zum Beispiel durch das Britische Empire, Frankreich, die Niederlande oder auch die Sowjetunion. Queen Victoria hatte mehr muslimische Untertanen als irgend ein anderer Herrscher ihrer Zeit.

Heute haben viele schnell das Bild vom Islamisten im Kopf. War das früher anders?

Motadel: Die Idee des fanatischen Muslims gab es damals auch schon – befeuert durch islamische Rebellengruppen, die sich dem Kolonialismus widersetzten. Ein bekanntes Beispiel aus dem 19. Jahrhundert ist der Jihad von Abdel Kader gegen die französische Besetzung in Algerien in den 1840er Jahren. Viele Rebellengruppen versuchten auch islamische Staaten zu gründen.

Klingt nach dem „Islamischen Staat“ (IS)...

Motadel: Es gibt durchaus Parallelen zum „Islamischen Staat“. In allen Fällen versuchen religiöse Bewegungen, geführt von islamischen Autoritäten, eine stark heterogene Bevölkerung durch den Islam zu einen und gegen innere und äußere Feinde zu mobilisieren. Das ist nichts Neues, sondern Teil der islamischen Geschichte.

Also alles halb so schlimm?

Motadel: Der jüngste „Islamische Staat“ ist sicherlich einer der schlimmsten, die je errichtet wurden. Aber man sollte bedenken, dass noch kein islamischer Rebellenstaat funktioniert hat. Sie waren immer zu repressiv und riefen bald innere Widerstände hervor – zumindest historisch gesehen.

Der IS und der Islam an sich werden von vielen als Gefahr empfunden. Was sagen Sie zur Pegida-Bewegung?

Motadel: Der Schaden, den Pegida anrichtet, ist kaum abzuschätzen. Das Bild Deutschlands hatte sich in den vergangenen Jahren im Ausland stark verbessert, jetzt ist die internationale Presse wieder voll negativer Schlagzeilen über deutsche Fremdenfeindlichkeit. Ich sehe Pegida als Teil einer längeren Entwicklung, die sich bereits seit der Sarrazin-Debatte abgezeichnet hat.

Das Interview führte LZ-Redakteurin Jana Beckmann.

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