Musikhochschule Detmold lässt braune Vergangenheit des Ex-Rektors aufarbeiten

23 Jahre lang war Martin Stephani Chef der Musikhochschule in Detmold

Barbara Luetgebrune

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Aufarbeitung: Rektor Thomas Grosse und Musikwissenschaftlerin Rebecca Grotjahn erläutern ihr Vorhaben . - © Vera Gerstendorf-Welle
Aufarbeitung: Rektor Thomas Grosse und Musikwissenschaftlerin Rebecca Grotjahn erläutern ihr Vorhaben . (© Vera Gerstendorf-Welle)
Prägte die Musikhochschule: Martin Stephani († 1983) war von 1959 bis 1982 Rektor der Detmolder Einrichtung. 32 Jahre nach seinem Tod wird seine Rolle in der NS-Zeit bekannt. - © Privat
Prägte die Musikhochschule: Martin Stephani († 1983) war von 1959 bis 1982 Rektor der Detmolder Einrichtung. 32 Jahre nach seinem Tod wird seine Rolle in der NS-Zeit bekannt. (© Privat)

Detmold/Bielefeld. Fast ein Vierteljahrhundert lang war Martin Stephani bis 1982 Rektor der Detmolder Hochschule für Musik. Er leitete auch den Musikverein Bielefeld und stand über viele Jahre hinweg am Pult des Landesjugendorchesters NRW. Doch schon unter dem NS-Regime war Stephani in musikalisch verantwortlicher Position tätig gewesen: Als Musikreferent der Leibstandarte SS Adolf Hitler und für das Symphonieorchester der Waffen-SS. Diese Vergangenheit ihres 1983 verstorbenen Alt-Rektors will die Hochschule nun historisch aufarbeiten lassen.

Anlass ist ein Jahrestag: Am 2. November wäre Martin Stephani 100 Jahre alt geworden. 23 Jahre lang, von 1959 bis 1982, war er Direktor der damaligen Nordwestdeutschen Akademie – und damit der am längsten amtierende Leiter in der Geschichte der Hochschule. „Die Verdienste von Altrektor Prof. Martin Stephani für unsere Hochschule sind von großer Bedeutung. Doch wollen wir den ganzen Menschen betrachten und deshalb nicht verschweigen, dass er auch vor 1945 in sichtbarer Position als Musiker tätig gewesen ist“, sagt Thomas Grosse, seit einem Jahr Rektor der Musikhochschule.

Quellen zufolge sei Stephani als Obersturmführer 1941 auf Befehl Hitlers als Musikreferent zur Leibstandarte abgeordnet worden. „Diese Tätigkeit hat er aber wohl nur einige Monate ausgeübt, weil die Standarte, als er dort ankam, schon im Russlandfeldzug war. In der Folge war er offenbar am Aufbau und der Leitung des Symphonieorchesters der Waffen-SS beteiligt“, sagt Rebecca Grotjahn. Die Professorin des Musikwissenschaftlichen Institutes Detmold-Paderborn wird bei der Aufarbeitung von Stephanis Vergangenheit eng zusammenarbeiten mit dem Bielefelder Historiker Hans Walter Schmuhl, der die Projektleitung innehat.

An der Hochschule und in ihrem Umfeld gibt es bis heute eine Reihe von Menschen, die sich an Stephani erinnern. „Er steht im Ruf, sehr charismatisch gewesen zu sein. Bei den Studentenunruhen 1968 soll er sehr verständnisvoll und moderierend gewesen sein“, so Grosse. Schlaglichter der einen Seite Martin Stephanis. Und seine Vergangenheit unter dem NS-Regime? „Einige wussten, dass da etwas gewesen war. Viele waren aber auch überrascht“, sagt Grosse. Wer sich für Musikgeschichte interessierte, hätte es wissen können. Einige wenige Publikationen geben Hinweise darauf. Der Wikipedia-Eintrag über Stephanis Person spart die betreffende Lebensphase aber konsequent aus. „Die Kultur des Nicht-drüber-Redens weiterzuführen halten wir für nicht klug“, sagt Grosse.

1980 erhielt die Detmolder Hochschule eine offizielle Anfrage zur Nazi-Vergangenheit ihres Alt-Rektors. Ob diese Anfrage beantwortet wurde, kann Grosse allerdings nicht sagen. „Der Vorgang ist nicht komplett.“ Im gleichen Jahr wurde Stephani mit dem Kulturpreis der Stadt Bielefeld ausgezeichnet. Mit einer anderen Auszeichnung hatte es zwölf Jahre vorher nicht geklappt. 1968 sei Stephani für die Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz im Gespräch gewesen. Das sei jedoch abgelehnt worden.

Die Ergebnisse der Aufarbeitung sollen im Laufe dieses Studienjahres vorliegen, öffentlich zugänglich gemacht werden und die Grundlage für eine sachliche Betrachtung bilden.

Zur Person

  • 2. November 1915: Stephani wird in Eisleben geboren
  • Studium an der Berliner Musikhochschule bei Walther Gmeindl, Fritz Stein und Kurt Thomas
  • 1948: Gründung eines Studios für Neue Musik in Marburg
  • ab 1951: Dirigent der Konzertgesellschaft von Wuppertal
  • 1957 Berufung zum Lehrenden für das Fach Dirigieren an die Nordwestdeutsche Musikakademie, heute Hochschule für Musik Detmold
  • ab 1959: Generalmusikdirektor der Stadt Wuppertal
  • 1959-1982 Direktor der Nordwestdeutschen Musikakademie Detmold. In seine Amtszeit fällt die Errichtung der Neuen Aula, heute Konzerthaus Detmold, und der Beschluss, gemeinsam mit der Universität Paderborn das Musikwissenschaftliche Seminar zu gründen. In dieser Zeit stand Stephani als musikalischer Leiter dem Musikverein Bielefeld vor
  • 1980: Auszeichnung mit dem Kulturpreis der Stadt Bielefeld
  • Am 9. Juni 1983 starb Martin Stephani nach langer Krankheit.

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